Protocol of the Session on September 23, 2021

Gerade in der Oberstufe, wie ich neulich wieder bei einer Schuldiskussion festgestellt habe, wird heutzutage auch beim Sprechen sehr häufig gegendert. Durch den Erlass der Ministerin zur Rechtschreibung wird das Thema sensible Sprache aber eben auch nicht aus den Schulen verbannt, wie der eine oder andere es gern tut. Hochschulen sind bekanntermaßen etwas anderes als Schulen, auch wenn es manchmal von einigen als Schule für Erwachsene gesehen wird.

Hochschulen sind in der Tat etwas anderes. Hier sollten meines Erachtens niemandem Punkte abgezogen werden, wenn er oder sie gendert oder auch nicht gendert. Ich glaube, auch an der Stelle sollte es relativ klar sein.

(Beifall FDP, vereinzelt CDU, Beifall Mar- lies Fritzen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Volker Schnurrbusch [AfD])

Sprache hat selbstverständlich sehr viel mit der kulturellen Identität zu tun. Ich kann deshalb zumindest nachvollziehen, dass viele Menschen da sehr leidenschaftlich werden können. Gendern soll unsere Sprache inklusiver machen, aber genau dies sieht eine große Mehrheit in der Bevölkerung eben anders.

Ich finde, auch das sollte man respektieren und zur Kenntnis nehmen. Der Kollege Koch hat schon auf das Thema Leichte Sprache hingewiesen. Ich habe neulich ein Schreiben vom Landesamt für soziale Dienste bekommen, das dem Minister Garg untersteht.

(Martin Habersaat [SPD]: Gutes Beispiel!)

Die haben geschrieben: „Guten Tag, Christopher Vogt“. Das kann man auch machen, aber, Heiner Garg, vielleicht sollten Sie sich wirklich darum kümmern: Man könnte auch „Moin, Christopher Vogt“ schreiben. Vielleicht wäre das ja ein Fortschritt an der Stelle.

(Beifall FDP und Lars Harms [SSW])

- Nur als Anregung, das war keine scharfe Kritik.

(Heiterkeit)

Wenn ein Fernsehmoderator oder eine -moderatorin gendern möchte, soll er oder sie das meinetwegen gern machen - auch wenn dies nicht meins ist. Aber das sollte frei entschieden werden. Anders als oft kolportiert, ist dies meines Wissens nach beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch der Fall, dass jeder Moderator und jede Moderatorin das selbst entscheiden kann.

(Ines Strehlau)

Meine Damen und Herren, ich empfehle uns allen wechselseitig etwas mehr Toleranz und manchmal vielleicht auch ein bisschen weniger Empfindlichkeit - gerade in diesen besonderen Zeiten, auch wenn das ein bisschen aus der Mode gekommen ist.

(Beifall FDP, SSW und vereinzelt CDU)

Ich möchte auch sagen: Nach meiner Wahrnehmung hat man vor allem an unseren Schulen und Hochschulen derzeit ganz andere Sorgen. Wenn ich mit den Menschen dort spreche, höre ich andere Dinge. Da wäre man schon froh, wenn überall das WLAN richtig funktionieren würde oder überall ausreichend Personal zur Verfügung stünde.

Wenn wir in Studien feststellen, dass 20 % der Schülerinnen und Schüler, die die Grundschule in unserem Land verlassen, nicht richtig lesen können, sollten wir an der Stelle mehr und an dieser Stelle vielleicht manchmal einen Tick weniger Leidenschaft in der Debatte haben.

(Beifall FDP und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Auch nach über vier Jahren wird man in einer Koalition manchmal noch überrascht. Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich: Die CDU entdeckt beim Gendern jetzt die Basisdemokratie,

(Heiterkeit BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

und die Grünen wittern Bevormundung.

(Dennys Bornhöft [FDP]: Schöne neue Welt! - Beifall FDP - Heiterkeit)

An beides musste ich mich gedanklich erst einmal gewöhnen. Ich bin gespannt, wann das nächste Mal beides der Fall sein wird. Wahrscheinlich müssen wir darauf noch ein bisschen warten.

Wir finden: Klare Regeln bei der Rechtschreibung in Schulen; da macht das einfach Sinn. Ansonsten bitte ich um etwas mehr Toleranz und Gelassenheit und keine Vorgaben, wie erwachsene Menschen zu reden haben. - Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall FDP und Ines Strehlau [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Das Wort für die Abgeordneten des SSW hat die Abgeordnete Jette Waldinger-Thiering.

Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Überschrift dieses Ta

gesordnungspunkts rahmt diese Debatte bereits auf eine Art und Weise ein, die suggeriert, es gäbe eine sogenannte Gendersprache im Gegensatz zur bisherigen vermeintlich neutralen Sprache. Meine Herren Antragsteller, die deutsche Sprache gendert immer. Auch das generische Maskulinum ist gegendert. Lehrer, Lehrerinnen oder „Lehrer*innen“: Wie auch immer Sie es machen, Sie gendern.

Aus psycholinguistischen Studien wissen wir schon lange, dass gedanklich ausgeblendet wird, wer nicht zur Sprache kommt. Wer angeblich sprachlich mit gemeint wird, wird eben nicht mitgedacht. Inklusion und Diversität manifestieren sich auch sprachlich. Gesellschaftlich weniger Menschen auszuschließen, spiegelt sich auch im sprachlichen Umgang wider.

Kopflose Forderungen nach Volksentscheiden kommen mir dabei vor wie das hektische Aufbäumen derer, die nicht ertragen, dass sich ihre Umwelt ausdifferenziert. Meine Damen und Herren, Sie eskalieren an der Wirklichkeit vorbei!

(Beifall SSW und vereinzelt SPD)

Sprache verändert sich immer wieder. Sprache bildet Gesellschaft ab und prägt das Bewusstsein. Das ist nicht nur im Deutschen so, sondern auch in anderen Sprachen. Im Englischen hat sich „they/ them“ als Personalpronomen für nicht binäre Menschen durchgesetzt. Im Schwedischen gibt es seit Jahren neben „han“ für „er“ und „hon“ für „sie“ auch „hen“. „Hen“ kann genderneutral eingesetzt werden, wenn das Geschlecht irrelevant, unbekannt ist oder neutral gehalten werden soll. Oder es kann eben für nicht binäre Menschen eingesetzt werden, die weder „er“ noch „sie“ als Pronomen nutzen.

Wir beobachten, dass geschlechtersensibler Sprachgebrauch nichts ist, was von oben aufoktroyiert wird. Stattdessen dringt er von unten hervor und bahnt sich seinen Weg durch die Instanzen.

Ein Erlass allerdings, der dieser Sprachentwicklung nun so hart einen Riegel vorschiebt, will nicht mehr Teil eines Diskurses sein, sondern diesen beenden. Und Karin Prien hat mit diesem Erlass Schulen die Entscheidungsspielräume in der Diskussion um gendergerechte Sprache genommen.

(Beifall Lasse Petersdotter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Was hier geschehen ist, ist gestaltende Sprachpolitik von oben. Aushandlungsprozesse finden aber weiter statt, und sie tun das auch auf dem Pausenhof oder in der Freizeit. Warum er nun ausgerech

(Christopher Vogt)

net im Unterricht nicht weiter stattfinden soll, ist mir unbegreiflich.

Viele unserer „Schüler*innen“ gendern doch bereits jetzt. Wieso sollen sie im Unterricht nicht auch Fragen stellen und die verschiedenen Vorgehensweisen vorgestellt bekommen?

Die deutsche Sprache bietet hierfür so viele Varianten, die alle ein Für und ein Wider haben: Doppelnennungen wie „Lehrer und Lehrerinnen“ etwa, die vielleicht sehr einfach wirken, aber eben im binären System verhaftet bleiben; das Gendersternchen wie bei „Lehrer*innen“, das nicht nur schriftlich besonders auffällt, sondern auch mündlich durch eine minimale Pause im Wort einen Hinweis auf eine Welt gibt, die mehr als zwei Geschlechter umfasst; oder auch der Doppelpunkt, der wie das Gendersternchen verwendet wird, aber von Leseprogrammen besser erkannt wird und so bei der Barrierefreiheit punktet. Das Binnen-I kommt ein bisschen wie ein lahmer Kompromiss daher; und der Unterstrich als Gendergap oder auch der Schrägstrich haben bisher irgendwie kaum jemanden richtig überzeugen können. Die eine Lösung gibt es also nicht, die Debatte ist noch nicht abgeschlossen.

Wirklich hilfreich für die Lehrkräfte wäre daher ein Erlass gewesen, der ihnen rechtssicher mehrere Möglichkeiten zur Verfügung stellt. Unser Vorschlag wäre gewesen: Es bleibt dabei, dass alle Kinder in der Grundschule die gängige Grammatik und Rechtschreibung lernen. Ab einer gewissen Klassenstufe in den allgemeinbildenden Schulen gäbe es dann Unterrichtseinheiten zu geschlechtergerechter Sprache, die einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten geben. Danach wäre es „Schüler*innen“ freigestellt, wie sie gendern wollen. Auf diese Art und Weise hätte, im Gegensatz zur Regelung des Ministeriums, tatsächlich niemand einen Nachteil - von welcher Entscheidung auch immer.

(Beifall SSW, SPD und Lasse Petersdotter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Das Wort für die Landesregierung hat die Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Karin Prien.

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Walther von der Vogelweide sprach vor 800 Jahren von der „Juncfrouwe“, wenn er den adeligen

Stand einer unverheirateten Frau betonen wollte. Ich glaube, ohne moderne Übersetzung würden wir ihn heute kaum noch verstehen.

Und wer von uns erinnert sich noch an die Diskussion um „das Fräulein“, das vor 50 Jahren aus dem offiziellen Deutsch verbannt wurde? Käme heute ein Mensch auf die Idee, eine nicht verheiratete Frau als Fräulein zu adressieren? Ich glaube, das würde heute nicht einmal der AfD noch einfallen.

(Zurufe)

Unsere Sprache ist dynamisch und wandelt sich. Das ist doch völlig unstreitig. Wir müssen gar nicht dreißig oder drei Generationen zurück in die Zeit reisen, um das zu erkennen. Ein Blick in die Kinderbücher meiner Söhne zeigt: Unsere Gesellschaft ist achtsamer geworden, und das spiegelt sich auch in unserer Sprache wider. Diese Sprachentwicklung endet auch nicht, sondern die Sprache spiegelt gesellschaftliche Entwicklungen wider, und diese Entwicklung geht weiter. Sie wird auch - das haben Sie, Frau Waldinger-Thiering eben sehr schön dargestellt - jetzt nicht aufhören, sondern die Frage der Geschlechteridentität wird auch infolge des Urteils des Bundesverfassungsgerichts, Ines Strehlau, natürlich Folgen in der deutschen Rechtschreibung und Grammatik haben. Gar keine Frage. Aber darum geht es in dieser Debatte nicht.

Natürlich muss diese Debatte auch an Schulen und Hochschulen geführt werden - und sie wurde und wird dort geführt, sowohl vor dem Erlass als auch nach dem Erlass. Auch das ist nicht Gegenstand dieser Debatte.

Ich finde es schwierig, das Ganze auf die Frage zu begrenzen: Dürfen Sonderzeichen in einem Wort verwendet werden oder nicht? Genau über diese Frage wird heute diskutiert. Die Frage einer geschlechtergerechten Sprache in unserer Gesellschaft, an der Schule, an unseren Hochschulen und in den staatlichen Institutionen ist eine sehr viel breitere als die auf diese Sonderzeichen reduzierte Debatte. Auch da hätte ich mir bei manchen Redebeiträgen heute einen etwas weiteren Horizont gewünscht.

Eine andere Frage ist es, inwieweit man das Handwerkszeug für die sichere Beherrschung der deutschen Sprache in der Schule erlernt. Darüber rede ich, und davon handelt auch dieser Erlass. Die Grundlage für einen sicheren Umgang mit Sprache sind die Lernbarkeit, die Lesbarkeit und die Einheitlichkeit der Sprache. Darum geht es genau in diesem Erlass. Sonderzeichen wie Sternchen und Unterstriche oder der Gender-Gap - Frau Waldin

(Jette Waldinger-Thiering)