Protocol of the Session on December 15, 2016

ich: Bei dem ersten Ruf nach einer Vorratsdatenspeicherung hat man das Gleiche gesagt, und siehe da: Fast zehn Jahre später haben wir sie schließlich. Alte Männer und Frauen, die sich alle E-Mails ausdrucken lassen, entscheiden über das Internet. Sie denken sich Regeln für einen Raum aus, den sie kaum verstehen. Was kommt als nächstes?

„Postfaktisch“ ist das Wort des Jahres 2016. Angela Merkel hat es nach der Abgeordnetenhauswahl in Berlin bekannt gemacht, als sie von postfaktischen Zeiten sprach. Dass die AfD postfaktisch ist, steht außer Frage. Ich möchte aber weitergehen: Alle Gesetzgebung, die das Internet zum Gegenstand hat, ist postfaktisch. Wir sehen es am Hacker-Paragrafen, der Administratoren in Misere bringt, oder auch an der Vorratsdatenspeicherung. Alle Organisationen, die sich mit IT auskennen, haben davor gewarnt. Bei der Vorratsdatenspeicherung protestieren neben den Fachleuten seit Jahren auch die Bürger auf den Straßen. Das ist aber egal: Die alten Damen und Herren, die diese Entscheidungen treffen, lassen sich von Fakten nicht beeindrucken.

(Beifall PIRATEN)

1914 hat die New York Times sinngemäß geschrieben, dass durch das Telefon eine Rasse von linksohrigen Menschen geschaffen werde.

(Heiterkeit Christopher Vogt [FDP])

1858 hat die New York Times über die Erfindung des Telegrafen sinngemäß geschrieben: Innerhalb von zehn Tagen bekommen wir die Post aus Europa. Es gibt keinerlei Verwendung dafür, Nachrichten in zehn Minuten über den Atlantik zu übertragen.

(Beifall PIRATEN und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Im 16. Jahrhundert hat Conrad Gesner vor einem verwirrenden und schädlichen Überfluss von Büchern gewarnt.

(Christopher Vogt [FDP]: Das stimmt ja auch irgendwie!)

Frau Kollegin Raudies: Sokrates war der Meinung, dass das geschriebene Wort nicht zur Wissensübermittlung geeignet ist, sondern lediglich als Gedächtnisstütze dienen kann - und auch das nur, wenn der Inhalt verstanden wurde.

(Beate Raudies [SPD]: Aber hallo!)

Ich bin mir sicher, wenn ich weiter zurückgehe, wird sich vermutlich ein Satz aus dem Buch „Das Ende des Restaurants“ - - Nein.

(Heiterkeit - Christopher Vogt [FDP]: Was hat Sokrates noch mal gesagt? - Dr. Kai Dol- gner [SPD]: Auf Seite 42!)

- Fast. Ich fange noch einmal mit meinem Satz an.

Ich bin sicher, wenn ich weiter zurückgehe, wird sich vermutlich ein Satz aus dem Buch „Das Restaurant am Ende des Universums“ von Douglas Adams bewahrheiten:

„Am Anfang wurde das Universum geschaffen. Das machte viele Leute sehr wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung angesehen.“

(Peter Eichstädt [SPD]: Das weiß ich gar nicht!)

Zum Abschluss noch ein Tipp von mir, der ich mit diesem Internet groß geworden bin. In der IT gibt es eine Grundregel: Kein von Menschenhand geschaffenes System ist unhackbar. Wer heute davon spricht, dass sich die Bürger auf die Sicherheit der Daten verlassen können, nur weil sie beim Land liegen, der hätte den Menschen damals auch versprochen, dass die Titanic unsinkbar ist. - Vielen Dank.

(Beifall PIRATEN und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vielen Dank. - Für die SPD-Fraktion erteile ich jetzt dem Kollegen Dr. Kai Dolgner das Wort.

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Eine kleine Vorbemerkung für diejenigen, die später geboren wurden: So neu ist das alles nicht. Die Nigeria Connection begann mit Briefpost.

(Heiterkeit und Zurufe PIRATEN)

- Das ist kein Scherz, guck es nach!

Lieber Herr Günther: Uiuiui, wo soll ich denn da jetzt anfangen? - Das hat ein von mir geschätztes Beuteltier einmal gesagt.

(Heiterkeit und Beifall SPD und SSW)

Ich habe zum Glück ja 28 Minuten Redezeit.

(Christopher Vogt [FDP]: Oh nein!)

- Ja, das würde ich an deiner Stelle jetzt auch sagen!

Zunächst zum Thema, Fake News unter Strafe zu stellen. Eine Fake News wäre zum Beispiel: Eine schwarz-gelbe Landesregierung hat das Strafgesetz

(Sven Krumbeck)

buch im Jahr 2018 ändern lassen, um Fake News unter Strafe zu stellen. - Das wäre eine Fake News, weil wir im Land gar nicht die Strafgesetzgebungskompetenz haben, Herr Kollege Günther. Das nur so einmal zum Thema.

(Beifall Rasmus Andresen [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])

Wenn wir jetzt den Faktencheck machen, bin ich mir gar nicht so sicher, ob Sie wirklich wollen, dass Fake News unter Strafe gestellt werden.

(Heiterkeit SPD - Zuruf SPD: Da müssen wir die Immunität heute aufheben!)

Lieber Herr Kollege Günther: Manchmal frage ich mich auch, in welchem Land Sie eigentlich leben, wenn ich mir das so anhöre, was Sie sagen. Leben Sie auch in dem Land, das als erstes - übrigens mit Ihnen zusammen - ein E-Government-Gesetz eingeführt hat? Das war nicht Schwarz-Gelb, auch wenn Sie die Zeit glorifizieren. Das war eines der letzten Gesetze von Schwarz-Rot.

(Beifall SPD - Christopher Vogt [FDP]: Warum wenden Sie es dann nicht an?)

Wenn wir angeblich nichts gemacht haben, ist es komisch, dass wir Ende 2016 als erstes Land das elektronische Grundbuch fertigstellen werden noch vor Bayern und allen anderen Bundesländern, auf die Sie immer gern schauen.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Wir werden im nächsten Jahr als zweites Land die E-Akte eingeführt haben.

(Martin Habersaat [SPD]: Was? Erst als zweites?)

- Ja, zugegebenermaßen ein halbes Jahr nach Bayern, aber immerhin noch fünf Jahre vor dem selbsternannten Musterländle. Das ist wahrscheinlich durch Nichtstun passiert, schätze ich einmal.

(Volker Dornquast [CDU]: Das Musterländle ist schon lange keins mehr!)

- Wieso? Da regieren sie doch jetzt mit. Aber Herr Dornquast! Ich habe sogar den Eindruck, dass Sie auf beiden Seiten der Regierung mitregieren.

(Unruhe)

Immer, wenn ich Ihnen zuhöre, fühle ich mich an ein Gemälde von Hieronymus Bosch und nicht an die Situation im schönsten und glücklichsten Bundesland Deutschlands erinnert. Sie sollten Ihre

Weltsicht etwas verbessern. Sonst bekommt man nämlich nur schlechte Laune.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Übrigens, liebe Kolleginnen und Kollegen von den PIRATEN: Das Dinge nicht gelesen werden, ist nicht nur in der digitalen Welt so, wie wir vorhin erfahren durften.

(Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, PIRATEN und SSW)

Was mache ich eigentlich als Oppositionsführer, wenn ich dazu eigentlich nicht so viel zu sagen habe und das eigentlich auch nicht mein Thema ist? Da gibt es beliebte Technologien aus dem „Oppositionswerkzeugkasten“, und die werden wir jetzt in meiner Rede der Reihe nach einmal durchdeklinieren.

Erstes Instrument: Wenn ich keine Ahnung habe, suche ich mir ein anderes Thema.