Protocol of the Session on September 9, 2011

Vielen Dank, Herr Kollege Witzel. – Für die Fraktion Die Linke hat Frau Kollegin Böth das Wort.

(Beifall von der LINKEN)

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Nicht nur die vorliegende Änderung der Verfassung und des Schulgesetzes ist eine Katastrophe, sondern auch die Rechte des Parlaments werden mit Füßen getreten.

(Beifall von der LINKEN)

In § 67 unserer Geschäftsordnung steht:

„Die Beratungen sollen frühestens am dritten Tag nach Verteilung der Drucksachen beginnen.“

Am Mittwoch konnte man Ihren Gesetzentwurf im Netz und von mir aus auch „verteilt“ finden. Sie haben ihn am Dienstag vorgestellt und hielten es noch nicht einmal für nötig, die anderen Fraktionen darüber zu informieren. Ist das der neue Stil?

Frau Kraft hat sich schon beim letzten Mal dafür entschuldigt, dass hier schon die Debatte lief, während der dazugehörige Antrag noch verteilt wurde. Das ist im Protokoll nachzulesen. Aber jetzt haben wir wiederum die gleiche Situation.

Es gibt ja Gründe, warum das in der Geschäftsordnung steht, nämlich damit man noch Änderungsanträge für das laufende Verfahren schreiben kann, mit dem wir sofort im Anschluss an diese Sitzung in den Ausschüssen beginnen werden.

Jetzt haben wir das Gleiche wieder. Ich sage dazu nur: Ich lache, wenn dann vom „neuen Stil“ die Rede ist.

(Beifall von der LINKEN und von Dietmar Brockes [FDP] – Winfried Schittges [CDU]: Dann lachen Sie doch mal!)

Das ist kein guter Tag für die politische Kultur im Landtag.

(Horst Becker [GRÜNE]: Ein rhetorisches Feuerwerk!)

Zweitens. In Nordrhein-Westfalen gibt es natürlich auch die Verpflichtung, die UN-Charta der Rechte von Menschen mit Behinderungen umzusetzen. Aber in der Verfassungsänderung findet sich dazu nichts. Hier rächt sich, dass die Schulministerin die Inklusion unbedingt von der Schulreformdebatte abkoppeln wollte. Auch das ist ein schlechtes Signal aus dem Landtag Nordrhein-Westfalen.

(Beifall von der LINKEN)

SPD und CDU haben ein weiteres Versprechen gebrochen. Wir haben schon mehrfach über die Situation der dörflichen Grundschulen und über Schulverbünde der Grundschulen diskutiert. Frau Stotz

und Herr Kaiser haben offenbar in Ostwestfalen versprochen, dass das im Schulkonsens berücksichtigt wird.

Herr Jürgens hat als Vertreter dieser Initiativen dazu extra eine Mail an alle geschrieben, um darauf hinzuweisen, dass er danach gesucht hat, die Klassengrößen in den Grundschulverbünden zu senken. Denn sonst sterben die Grundschulen in den Dörfern und damit zum Gutteil die Dörfer. Aber davon kommt auch nichts vor. Was kümmert Sie Ihr Geschwätz gegenüber solchen Initiativen?

(Sigrid Beer [GRÜNE]: Nicht zugehört!)

Auch damit tragen Sie zur Politikverdrossenheit in diesem Land bei.

(Beifall von der LINKEN)

Zum Elternwillen und zur Schulentwicklung steht im Koalitionsvertrag:

„Es ist unser Ziel, in den nächsten fünf Jahren mindestens 30 Prozent der allgemeinbildenden Schulen in der Sekundarstufe I zu Gemeinschaftsschulen umzuwandeln. Wir gehen davon aus, dass neue Schulen zukünftig in der Regel als Gemeinschaftsschulen gegründet werden.“

Ehrlich gesagt geht Die Linke auch davon aus, dass, wenn man dem Elternwillen endlich Raum geben würde, nur noch Gesamtschulen gegründet werden. Denn viel mehr Eltern, als bisher unterstellt wurde, wünschen das gemeinsame Lernen der Kinder bis zur zehnten Klasse.

(Beifall von der LINKEN)

Die Eltern bekommen es aber nicht; das ist das Problem.

Die Abweisungszahlen an den Gesamtschulen sprechen doch Bände: 11.300 pro Jahr – natürlich nur an den Orten, an denen man sich überhaupt anmelden kann. Insofern trägt es auch zur Politikverdrossenheit bei, wenn Elternteilen Versprechungen gemacht werden und dann groß diskutiert wird, ohne dass es anschließend in der gewünschten Schulform einen Platz gibt. Deshalb muss der Elternwillen dort hinein. Das ist genau das Problem.

(Beifall von der LINKEN)

Sie haben folgendes Problem – deshalb ist es etwas anderes als das, was wir bei der Gemeinschaftsschule diskutiert haben –: Die Sekundarschule ist ausnahmslos dreizügig. Was ist denn, wenn es in einem Jahrgang mehr als drei Züge gibt?

(Sören Link [SPD]: Dann werden vier gebil- det!)

Dann werden sie nicht vierzügig, lieber Sören Link. Du musst mal deinen Gesetzentwurf lesen.

(Sören Link [SPD]: Die werden sogar sie- benzügig, wenn es sein muss!)

Dann muss die Schule als Gesamtschule neu gegründet werden. Was ist, wenn sie im nächsten Jahr dann wieder nur dreizügig ist? Dann wird sie als Sekundarschule wieder neu gegründet? – Das ist doch ein Scherz; da sind Abweichungen schon programmiert.

(Beifall von der LINKEN)

Zusammenfassend kann ich nur sagen: Warum finden denn Ihre Jugendorganisationen die Anträge nicht so prickelnd? Was schreiben denn die Jusos in ihrem Antrag für Aachen? Was hat denn die Grüne Jugend zu meckern?

(Horst Becker [GRÜNE]: Nix!)

Die Jugendorganisationen haben doch recht mit dem, was sie tun.

Sie verspielen eine wichtige Chance. Sie haben nämlich im Wahlkampf längeres gemeinsames Lernen und die eine Schule für alle versprochen.

(Mitglieder der Fraktion DIE LINKE erheben sich von ihren Plätzen und halten ein Plakat mit der Aufschrift „Wahlbetrug“ sowie Wahl- plakate von der SPD und von den GRÜNEN hoch. – Lebhafte Zurufe)

Ich bitte die Kolleginnen und Kollegen der Fraktion Die Linke, die Plakate herunterzunehmen. Sie kennen unsere Geschäfts- und Hausordnung.

(Fortgesetzt Zurufe)

Ich rufe die Fraktion Die Linke hiermit kollektiv zur Ordnung.

(Beifall von Sören Link [SPD])

Bitte nehmen Sie die Plakate herunter.

(Der Aufforderung wird nicht Folge geleistet. – Karl-Josef Laumann [CDU]: Raus hier! – Dr. Gerhard Papke [FDP]: Unverschämt! – Weitere Zurufe)

Sie haben im Wahlkampf versprochen …

Ich fordere Sie ein zweites Mal auf, die Plakate herunterzunehmen.

(Der Aufforderung wird nicht Folge geleistet. – Lebhafte Zurufe)

Ich fordere Sie ein drittes Mal auf, die Plakate herunterzunehmen, und bitte die Saaldiener, entsprechend einzuschreiten.

(Der Aufforderung wird nicht Folge geleistet. – Michael Solf [CDU]: Rolf Biermann hatte recht! – Weitere lebhafte Zurufe von CDU und FDP)

Ich habe dreimal zur Ordnung gerufen und die Saaldiener gebeten, einzuschreiten.