Wenn Sie, meine Damen und Herren, das Alltagsleben - auch davon haben Sie heute kaum mehr geredet - in den Mittelpunkt stellen wollen, dann empfehle ich Ihnen, einmal in die Kerncurricula zu gucken. Von denen hat heute niemand mehr gesprochen. Die Themen Leben im alten Rom und Dorfleben im Mittelalter laden geradezu dazu ein, die Rolle von Frauen im Alltagsleben anzugucken.
Ich muss Ihnen eines sagen: Hier setzen unsere Geschichtscurricula, die Sie auch einmal positiv sehen könnten, wohltuend neue Akzente, nämlich weg von zu vielen Zahlen und so vielen Namen. Bei den vielen Jahrhunderten, anderthalb Jahrtausenden, die das umfasst, 58 Namen zu haben - ich glaube, ein paar kommen in der mittleren Spalte vor; ich weiß gar nicht, ob Sie sie gesehen haben -, ist weiß Gott nicht zu viel.
Das, was unsere Curricula leisten, ist: weg von diesem Zu-viele-Fakten-Wissen hin zu einer grundlegenden Orientierung über die Daseinsbedingungen vergangener Gesellschaften und Herrschaftsformen.
Lassen Sie mich zum Schluss sagen: Wir sollten Geschichtsunterricht nicht einseitig unserem Gegenwartsinteresse unterordnen, das wir alle haben, nämlich dass sich mehr Frauen an Gesellschaft beteiligen. Das greift zu kurz und vergewaltigt den Geschichtsunterricht. Gleichwohl gibt es durch unseren Unterricht viele Möglichkeiten zur Identitätsstiftung für Mädchen und Jungen. Ich habe versucht, einige Beispiele zu bringen. Der Antrag der Fraktion der Grünen tut es leider nicht. Hinsichtlich des Änderungsantrags der SPDFraktion, der die Geschlechterperspektive haben will und sich auch noch gegen „männliche Quellen“ richtet, frage ich: Macht es den Wert einer Quelle aus, ob der Verfasser männlich oder weiblich ist? - Wenn wir in unserem wissenschaftlichen Unterricht so weit kommen, dann gute Nacht!
(Beifall bei der CDU und bei der FDP - Dr. Silke Lesemann [SPD]: Nichts ver- standen! - Ursula Helmhold [GRÜNE]: Wo ist denn der Änderungsantrag, Frau Bertholdes-Sandrock?)
Herzlichen Dank. - Herr Dr. Sohn, ich möchte darauf aufmerksam machen, dass ich Ihre Zwischenfrage deshalb nicht zugelassen habe, weil Frau Kollegin Bertholdes-Sandrock bereits signalisiert hatte, grundsätzlich keine Zwischenfragen zuzulassen.
Es liegen zwei Wortmeldungen für Kurzinterventionen vor. Zunächst gebe ich Frau Kollegin Twesten von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen das Wort für anderthalb Minuten.
Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Frau Bertholdes-Sandrock, wenn wir bei den Kerncurricula einen Rückschritt auf den Weg bringen, dann werden sich die Schulbuchverlage in Zukunft daran orientieren, und im Fach Geschichte tauchen noch weniger Frauen auf. Das ist ein Rückschritt. Das befürchten wir, und das wollen wir mit unserem Antrag verhindern.
Frau Bertholdes-Sandrock, gestatten Sie mir noch eine Anmerkung: Wenn Ihnen sechs Frauen im Geschichtsunterricht reichen, dann ist es nur konsequent, dass lediglich zwei Frauen von der CDU in der Landesregierung sitzen.
Für eine weitere Kurzintervention hat Frau Kollegin Zimmermann für die Fraktion DIE LINKE eine Redezeit von ebenfalls anderthalb Minuten.
intervention gemeldet, weil ich Ihr etwas schräges Bild gegenüber Frauen ein bisschen geraderücken will. Es ist nämlich nicht so, dass nur Männer Geschichte gemacht haben.
Natürlich sind es die Männer, die in den Geschichtsbüchern stehen. Hinsichtlich dessen, was Frauen zur Geschichte beigetragen haben, gibt es ausreichend Bücher, die ich Ihnen empfehlen kann. Darin können Sie nachlesen, was Frauen auch aus dem Hintergrund an Geschichte geschrieben haben.
Ich komme nun zum Bereich der Wissenschaft. Ich weiß nicht, ob Sie das wissen. Sie kennen vermutlich die Relativitätstheorie von Albert Einstein. Aber wissen Sie auch, dass vorwiegend seine Frau diese Relativitätstheorie entwickelt hat und dass seine Frau diejenige gewesen ist, die im Schatten gestanden hat, dafür eine ziemlich hohe Geldzahlung bekommen hat und sich deshalb in diesem wissenschaftlichen Bereich nicht hat etablieren können?
Sie haben Marie Curie genannt. Wissen Sie eigentlich, dass Marie Curie eine spannende Wissenschaftlerin war, die es aber superschwer hatte, im gemeinsamen Leben mit ihrem Mann einen ebensolchen Status zu erringen, wie ihr Mann es geschafft hat? - Das ist doch das grundsätzliche Problem.
Wenn ich mir die Quotierung der Fraktionen im Landtag angucke, dann sehe ich, woher das Problem kommt. Das ist nämlich tiefer sitzend. Wir müssen gucken, dass wir Frauen in dieser Gesellschaft einbinden, nicht nur in der Schule, in der Politik - - -
Danke schön. - Frau Bertholdes-Sandrock möchte nicht antworten. Deswegen kann ich gleich den nächsten Redner aufrufen. Für die FDP-Fraktion hat sich Herr Försterling zu Wort gemeldet.
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Die niedersächsischen Kerncurricula benennen fachspezifische Kompetenzen und die dafür notwendigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Darüber hinaus wird ein gemeinsam geteilter Bestand an Wissen bestimmt, über den die Schülerinnen und Schüler in den verschiedenen Jahrgängen verfügen sollten. Im Kerncurriculum Geschichte handelt es sich um folgende vier Kompetenzbereiche: erstens Fachwissen, zweitens Deutung und Reflexion, drittens Erkenntnisgewinnung durch Methodik und viertens Kommunikation.
In der detaillierten Darstellung eines dieser vier Kompetenzbereiche, nämlich in der Darstellung des Fachwissens, wird eine Tabelle verwendet, die zum einen die von den Schülern zu erwerbenden Kompetenzen benennt und zum anderen Bausteine dafür bietet, mit welchem Fachwissen in den Bereichen Daten, Begriffe und Namen diese Kompetenzen vermittelt werden sollen.
In der kleinen Spalte mit den Namen werden tatsächlich weniger Frauennamen genannt als Männernamen. Daraus sollte man jedoch nicht per se den Schluss ziehen, dass es sich hier um eine reine männergeschichtliche Darstellung der Vergangenheit handelt. Vielmehr muss man sich auch einmal vor Augen halten, welche Daten und Begriffe oftmals links neben den männlichen Namen stehen: Monarchie, Aristokratie, Imperium, Sklaven, Ständegesellschaft, Leibeigene, Lehnswesen, Absolutismus, Nationalismus, Kommunismus, Sozialistengesetz, Nationalsozialismus, Antisemitismus, Vernichtungslager, Flucht und Vertreibung, Kalter Krieg und Planwirtschaft.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, ein Großteil des Geschichtsunterrichts wird doch dafür verwendet, der heutigen Generation frühere Fehlentwicklungen und gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, damit sich diese Fehlentwicklungen nicht wiederholen
und damit die kommenden Generationen aus den Fehlern der Vergangenheit für die Zukunft lernen. Da die Fehler der Vergangenheit zumeist von Männern gemacht worden sind, ist die Häufigkeit der Nennung dem Versagen der Männer selbst geschuldet.
Sie können darüber heute Abend vielleicht noch weiter diskutieren. Jetzt hat aber für die Landesregierung zunächst einmal Frau Ministerin HeisterNeumann das Wort.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Geschichte und Geschichtsschreibung kennen definitiv keine Geschlechtergerechtigkeit, ob uns das nun gefällt oder nicht. Es macht in meinen Augen auch wenig Sinn, diese Geschlechtergerechtigkeit im Nachhinein künstlich wiederherzustellen. Ich bin davon überzeugt, dass es - wir wissen es alle - in der Geschichte sehr viele bekannte Frauen gegeben hat, die - auch politisch - hervorragende Arbeit geleistet haben. Solche Frauen erleben wir auch heute hier im Landtag und auch außerhalb des Landtages in den vielen Frauenverbänden. Sie erheben dort ihre Stimme.
Ich bin aber auch der Meinung, dass es für die Ausbildung der historischen Identität von Frauen nicht auf die Anzahl der Frauen im Geschichtsunterricht ankommt. Ich bin vielmehr der Meinung, dass im Unterricht die Ungleichbehandlung von Frauen und die Strukturen, die dem zugrunde gelegen haben, vermittelt werden müssen, damit man diese Ungleichbehandlung überwinden kann.
Das geschieht im Geschichtsunterricht, aber nicht nur dort, sondern genauso im Bereich der Politik, im Bereich der Religion bzw. im Bereich Werte und Normen und in vielen anderen Unterrichtsfächern.
Meine Damen und Herren von den Oppositionsfraktionen, nun zu dem Änderungsantrag der SPD. Ich kann diesen Antrag inhaltlich sehr wohl nachvollziehen, meine aber, dass er überflüssig ist, weil die Forderungen, die Sie aufgestellt haben, im
Ich möchte das gern an einem Beispiel erläutern, das von Ihnen stammt, nämlich am Beispiel der Französischen Revolution. Gerade zum Thema der Französischen Revolution kann eine Unterrichtseinheit hervorragend am Beispiel der Erklärung der Menschenrechte und Bürger gestaltet werden, die zum Zeitpunkt der Französischen Revolution ausschließlich für Männer gedacht war, und gleichzeitig an der Erklärung, die von Olympe de Gouges auf den Weg gebracht wurde, in der es um die Menschenrechte für die Frau und die Bürgerin geht. Das ist ein Beispiel dafür, wie im Geschichtsunterricht die Ausgangspositionen und die Strukturen sehr gut dargestellt werden können, wobei natürlich Kompetenz, Kritikfähigkeit und Reflexionsfähigkeit einbezogen werden müssen. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Lehrerinnen und Lehrer diese Aufgabe hervorragend bewältigen.
Welchen Ansatz ich für richtig halte, habe ich bereits dargestellt. Ihren Änderungsantrag halte ich für überflüssig, weil Ihre Forderungen in dem Curriculum bereits erfüllt sind.