des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur auf die Frage 59 der Abg. Dr. Silke Lesemann, Dr. Gabriele Andretta, Daniela Behrens, Matthias Möhle, Jutta Rübke, Stefan Schostok und Wolfgang Wulf (SPD)
Im Weser-Kurier vom 13. März 2009 wird unter der Überschrift: „Worpswede verliert die Künstlerhäuser - Das Land Niedersachsen stellt Ende 2009 die Förderung ein und konzentriert Stipendien in Lüneburg“ über die neuesten Pläne des Ministers für Wissenschaft und Kultur berichtet. Danach soll die Künstlerförderung im kunsthistorisch bedeutsamen Worpswede eingestellt werden. Auch die Künstlerförderung im Schloss von Bleckede stellt das Land ab Herbst 2009 ein. Ab 2010 soll sie allein an der Stiftungsuniversität Leuphana in Lüneburg durchgeführt werden.
In der am selben Tag nachgeschobenen Pressemitteilung des Kulturministers wird als Ziel der Neuausrichtung eine eindeutige Profilierung für ein international renommiertes Künstlerprogramm angegeben.
Die Ankündigung sorgte für große Überraschung und Empörung in Worpswede. So wird die Vorsitzende des Atelierhaus-Vereins zitiert: „Eine einseitige Entscheidung des Landes Niedersachsen. Für uns kam das völlig überraschend, wir wurden nicht einbezogen … Zuvor sei noch von Plänen des Landes, die Künstlerförderung in Worpswede zu konzentrieren, die Rede gewesen.“
1. Welche Gründe haben zur Entscheidung, die Künstlerförderung neu auszurichten und allein in Lüneburg anzusiedeln, geführt, und welche Versäumnisse in der Künstlerförderung hat man in Worpswede festgestellt?
2. Wie soll der Stellenwert der Künstlerkolonie Worpswede in der Förderung der zeitgenössischen bildenden Kunst erhalten werden?
3. Wie sieht das neue Konzept zur internationalen Künstlerförderung des Landes aus, und welche Fachexpertise wurde dazu eingeholt?
Zur zeitgemäßen und wirksamen Ausgestaltung einer Künstlerförderung ist eine regelmäßige Überprüfung unter fachlichen und finanziellen Gesichtspunkten erforderlich. Diese Überprüfung ist seit 2005 in Gang und hat ergeben, dass eine Vernetzung mit den Hochschulen des Landes sowie ein interdisziplinäres (offenes) Stipendienangebot unter Einbeziehung wissenschaftlicher Fachrichtungen zu den Anforderungen einer zeitgemäßen Künstlerstätte gehören.
Mit dem neuen Programm internationaler Künstlerförderung reagiert das Land Niedersachsen zukunftsweisend auf die veränderten Arbeits- und Produktionsbedingungen in der zeitgenössischen Kunst mit flexiblen Formen der Künstlerförderung. Der internationale Dialog rückt in den Vordergrund,
Ziel eines international renommierten Künstlerprogramms ist eine eindeutige Profilierung. Dieses geschieht durch Vernetzung (Netzwerkbildung zum und im Kunstfeld), Flexibilität (Orientierung an den Bedürfnissen von Künstlern) und Sichtbarkeit (Wahrnehmung im Kunstfeld beispielsweise durch Ausstellungen, Symposien).
In der bildenden Kunst werden derzeit jährlich knapp 300 000 Euro für die Künstlerförderung aufgewendet. Davon entfallen 150 000 Euro auf Stipendien für Studienaufenthalte in niedersächsischen Künstlerstätten sowie 36 000 Euro auf ortsungebundene Stipendien (Jahresstipendien). 60 000 Euro werden für die künstlerische Betreuung der Stipendiaten in den Künstlerstätten in Worpswede und in Bleckede aufgewendet. Mit Sachmitteln von über 40 000 Euro werden jährlich künstlerische Aktivitäten (Ausstellungen, Publikati- onen) unterstützt. Diese Mittel stehen auch weiterhin für die Stipendienförderung des Landes bereit.
Die Stadt Bleckede hat dem Land die Künstlerstätte zu Mitte 2009 gekündigt. Anstelle der Ateliers ist die Einrichtung eines Aquariums geplant, das im Zusammenhang mit der naturhistorischen Ausstellung im Bleckeder Schloss steht.
Zu 1: Die Künstlerförderung in Künstlerstätten (Artist-in-Residence) geht in Niedersachsen zurück bis in die 70er-Jahre und hatte ihre politischen Motive u. a. in der Aufwertung des ehemaligen Zonenrandgebiets sowie ländlicher Standorte.
Niedersachsen befindet sich angesichts heutiger globaler Anforderungen und Ansprüche in einem internationalen Wettbewerb, auch mit anderen Artists-In-Residencies. Es muss sich im Kunstgeschehen als Standort etablieren, der für eine Förderung bekannt und attraktiv ist, die ausgewählte Künstlerinnen und Künstler zu einer Wettbewerbsfähigkeit im Kunstfeld weiterqualifiziert. Als Antwort darauf müssen angemessene, zukunftsfähige Modelle der Künstlerförderung entwickelt werden.
Dass Künstler, die oft in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen arbeiten, sich auf Stipendien bewerben, ist allein kein Qualitätskriterium einer wirksamen Künstlerförderung. Das Land Niedersachsen konzentriert sich auf die Förderung von junger Kunst als Starthilfe auf dem Weg zu internationaler Wahrnehmung und Reputation. Entscheidend ist
hierbei, dass das Stipendienprogramm auf die Zusammenarbeit von Künstlern aus dem In- und Ausland setzt. Die Künstlerförderung in Niedersachsen wird so zur Plattform zeitgenössischer Kunst. Sie profitiert von einem kreativen Klima des Austauschs. Ein Stipendium muss Auszeichnung sein und Entwicklung ermöglichen, um wichtiger Baustein der künstlerischen Laufbahn zu sein.
Aufgrund der relativen Abgeschiedenheit erscheint Worpswede heute als Standort einer zentralen Künstlerstätte problematisch. Was zur Zeit der Gründung der Künstlerkolonie Worpswede am Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiges Kriterium für gelungene künstlerische Auseinandersetzung war - nämlich Stadtflucht, die Suche nach bäuerlicher Idylle und einfachem Leben -, entspricht nicht mehr den Bedürfnissen der am zeitgenössischen Kunstdiskurs orientierten Künstlerinnen und Künstler.
Lüneburg dagegen bietet durch die Anbindung an die Universität einen umfassenden Diskurs und ein intellektuell anregendes Umfeld. Das klare Bekenntnis der Leuphana Universität Lüneburg, Kunsttheorie und -praxis als einen der vier Schwerpunkte der universitären Forschung und Ausbildung zu entwickeln, spiegelt sich in Neuberufungen auf Professuren und vielfältigen Aktivitäten und Angeboten wider. Damit wird an diesem Standort konsequenterweise ein Bereich gestärkt, mit dem Lüneburg bereits auf internationale Anerkennung gestoßen ist und großes Renommee vorweisen kann.
Nur durch die Auseinandersetzung mit internationalen Kuratoren, Theoretikern, Kritikern und Wissenschaftlern ist eine Anbindung an den internationalen Kunstdiskurs möglich. Die geplanten Aktivitäten der Leuphana Universität Lüneburg sehen ein internationales Gastprogramm mit Künstlern, Wissenschaftlern, Kuratoren und Kritikern sowie Ausstellungsmöglichkeiten vor. Damit einher gehen eine inhaltliche Vertiefung sowie ein breiteres und öffentlichkeitswirksames Forum für alle Teilnehmer des Künstlerprogramms. Dies wird durch die Vernetzung und teilweise Einbindung der Stipendiaten in den Lehr- und Forschungsbetrieb noch gefördert. Somit können auf vielfältige Weise Synergieeffekte fruchtbar gemacht werden: Dies steigert die Möglichkeiten eines Künstlerförderungsprogramms um ein Vielfaches.
Weitere Angebote anderer Institutionen vor Ort können mitgenutzt werden wie beispielsweise die „halle_für_kunst“ (Lüneburg) oder der „Kunst
Raum“ (Leuphana Universität Lüneburg), zwei zeitgenössisch orientierte Ausstellungshäuser, die international vernetzt sind.
Außerdem sind Lüneburg und die Leuphana Universität naturgemäß durch ein junges, interessiertes, geschultes und erprobtes Publikum geprägt, das die Aktivitäten eines internationalen Künstlerprogramms kritisch begleiten und auf diese Weise neue Impulse setzen kann.
Zu 2: Der Name der 5 500 Einwohner fassenden Gemeinde ist ein Synonym für den wesentlichen Beitrag Norddeutschlands zur Kunstgeschichte des Impressionismus und Expressionismus. Worpswedes kunsthistorische Bedeutung geht zurück auf die Künstlerkolonie um Heinrich Vogeler, Fritz Mackensen und Hans am Ende, die später auch Künstler wie Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn anzog. Die Künstlerkolonie als Arbeits- und Lebensgemeinschaft ist Vergangenheit. Ihr Stellenwert liegt in der kunsthistorischen Bedeutung.
Die Baudenkmäler Worpswedes leiden heute unter erheblichem Sanierungsstau. Eine strukturelle und konzeptionelle Neupositionierung der einzelnen Institutionen im Kontext der Worpsweder Kunstlandschaft ist dringend notwendig. Nur so hat Worpswede eine wirtschaftliche Zukunft. Es gilt deshalb, die kulturtouristischen Belange und Erfordernisse zu stärken. Mit Förderung des MWK aus EFRE-Mitteln in Abstimmung mit dem MW ist ein Masterplan Worpswede erstellt worden. Im Zuge dieser Planungen stehen Worpsweder Institutionen wie die Große Kunstschau/Roselius Museum, Barkenhoff und Haus im Schluh im Vordergrund. Für die Umsetzung des Masterplans sind erhebliche EFRE-Mittel eingeplant. Die Antragstellung befindet sich in Vorbereitung.
Im Rahmen dieser Profilierung werden wichtige Institutionen in die Lage versetzt, das kulturelle Erbe angemessen zu präsentieren, aber auch durch Ausstellungen von aktueller Kunst dem Leitbild eines lebendigen Künstlerorts zu entsprechen.
Im Bereich der zeitgenössischen Kunst und Kunstproduktion ist eine jährliche Sommerakademie (z. B. in Trägerschaft der Gemeinde, des Atelier- haus e. V. und gegebenenfalls des Landkreises) sinnvoll, bei der Künstler als Dozenten eingeladen werden. Eine solche Sommerakademie für einen jeweils begrenzten Zeitraum in Worpswede ist sowohl für Künstler als auch für Kunstinteressierte attraktiv. An einem kunsthistorisch bedeutenden
Ort unter Einbezug der Aktivitäten von ortsansässigen Künstlern kann eine Auseinandersetzung mit aktuellen Künstlern und Kunstentwicklungen stattfinden. Dies wäre eine nachhaltige Stärkung der kulturtouristischen Ausrichtung und trüge zur Profilierung und zum Renommee Worpswedes als Ort für lebendige Kunst bei. Positive Erfahrungen mit vergleichbaren Sommerakademien konnte beispielsweise Salzburg machen.
Der museale Barkenhoff (Heinrich-Vogeler-Muse- um) wird als eine der zentralen Institutionen Worpswedes am Masterplan partizipieren. Er ist mit den Künstlerhäusern Worpswede in der Barkenhoff-Stiftung Worpswede zusammengefasst. Der hohe Stellenwert, den die Sammlung Heinrich Vogeler einnimmt, erfordert nicht nur eine angemessene museale Präsentation, sondern auch eine Infrastruktur, die zum einen mehr Fläche für Sonderausstellungen und zum anderen einen Ausbau des Barkenhoff zu einem Forschungszentrum der künstlerischen Entwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts möglich macht.
Eine zukunftsweisende, öffentlichkeitswirksame museale Arbeit erfordert Ausstellungsräume, Magazinräume, Gastwohnungen für Wissenschaftler und einen Vortrags- und Veranstaltungsort. Dies alles kann in der Remise des historischen Barkenhoff, in der sich heute Wohnateliers für Stipendiaten befinden, untergebracht werden.
Zu 3: Um die wirksame Ausgestaltung der Künstlerförderung Niedersachsens zu überprüfen, hat das MWK bereits 2005 Experten um ihre Einschätzung zu den Gestaltungs- und Profilierungsmöglichkeiten der niedersächsischen Künstlerstätten (Künstlerhäuser Worpswede, Künstlerstätte Ble- ckede und Künstlerhof Schreyahn) gebeten. Teilnehmer waren u. a. Vertreter der Hochschule für Musik und Theater (Hannover), Hochschule für Bildende Künste (Braunschweig), A. v. HumboldtStiftung (Bonn), Stiftung Schloss Neuhardenberg (Berlin) , Akademie Schloss Solitude (Stuttgart).
Weiterhin wurde eine AG niedersächsischer Künstlerstätten gebildet, die in den Jahren 2006 und 2007 getagt hat. Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe sind auch in das von der Universität Lüneburg durchgeführte Forschungsprojekt „Künstlerstätten im internationalen Vergleich“ eingeflossen.
Insbesondere im o. a. Expertengespräch wurde verdeutlicht, dass eine Vernetzung mit den Hochschulen des Landes sowie ein interdisziplinäres (offenes) Stipendienangebot unter Einbeziehung
Die Leuphana Universität Lüneburg hat 2006/07 ein Forschungsprojekt „Artists-in-Residence im internationalen Vergleich“ durchgeführt. Begleitend dazu gab es Expertengespräche zu Artists-InResiencies u. a. mit Experten vom International Studio & Curatorial Program (ISCP, New York), International Artist Studio Program in Sweden (IASPIS, Stockholm) , Finnish Fund for Art Exchange, Frame, (Helsinki) , transartist, halle_für_kunst (Lüneburg), Stipendienstätte Bleckede, Rijksakademie (Amsterdam), DAAD Artist Program (Berlin), Künstlerhäuser Worpswede, Christian Nagel (Galerist, Köln/Berlin), Daniel Knorr (Künstler, Berlin).
Wissenschaftlich analysiert und objektiviert wurden diese Ergebnisse durch die 2008 erschienene Publikation von Christoph Behnke, Christa Dziallas, Marina Gerber und Stephanie Seidel „Artistsin-Residence. Neue Modelle der Künstlerförderung“.
Ziele der neuen niedersächsischen Künstlerförderung sind eine Konzentration der Künstlerförderung und Bündelung der Ressourcen, um den Dialog zwischen Künstler/innen sowie Kritiker/innen und Kurator/innen stärker zu fördern und die internationale Wettbewerbsfähigkeit und Vernetzung zu verbessern. Dies entspricht den heutigen Bedürfnissen von Künstlerinnen und Künstlern.
Das Programm internationaler Künstlerförderung des Landes Niedersachsen (PI[N]K) sucht einen Kooperationspartner, der die Bereitstellung von Orten der Reflexion, den diskursiven Austausch und Vernetzung mit hohem Anregungspotenzial bietet. Dies bringt die Leuphana Universität Lüneburg ein. Aus einer solchen Konstellation sind innovative Impulse, Wissens- und Kompetenztransfers sowie Auf- und Ausbau von Netzwerken zu erwarten, welche sich mit der Region, dem Land Niedersachsen wie auch dem internationalen künstlerischen Produktionsfeld verbinden.
Die Leuphana Universität Lüneburg plant, im Rahmen ihrer Neuausrichtung die Förderung der zeitgenössischen Kunst und die künstlerischwissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr als Element dauerhaft in Forschung, Lehre und Transfer zu integrieren.
Bestandteil. Eine Vernetzung mit einschlägigen kulturwissenschaftlichen Lehr- und Forschungseinheiten ist das Ziel. Darüber hinaus werden Möglichkeiten zur Einbindung von Künstler/innen und der Programmleitung in die Lehre bzw. in Projektarbeit der Leuphana Universität Lüneburg geschaffen.
PI(N)K soll zum 1. Januar 2010 starten. Die ersten Stipendiaten können ihr Stipendium ab 1. April 2010 in Lüneburg wahrnehmen. Das internationale Künstlerprogramm zeichnet sich durch Konzentration aus: die Konzentration auf einen Ort, die Konzentration auf eine zentrale Stipendienstruktur und die Konzentration des internationalen Kreativkapitals. So wird die Innovationskraft des Landes Niedersachsens befördert.
des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur auf die Frage 60 der Abg. Wolfgang Wulf, Dr. Gabriele Andretta, Daniela Behrens, Dr. Silke Lesemann, Matthias Möhle, Jutta Rübke und Stefan Schostok (SPD)
Nach welchen Kriterien wurden Investitionsmittel aus dem Konjunkturprogramm II an die Heimvolkshochschulen verteilt?