Protocol of the Session on June 26, 2002

einig sind und sagen: Wir bringen den Mut, die Kraft und die finanziellen Mittel auf; es ist unsere Kompetenz, in gemeinsamer Anstrengung etwas zu verändern und zu bewegen.

Dieser Antrag ist – das ist im Text einleitend dargestellt – ein erster Schritt, in dieser Stadt etwas zu verändern und nicht Jahre zu warten, bis es Gutachten und Gegengutachten gibt, die beweisen, dass das, was die CDU in Hamburg auch schon seit Jahren gesagt hat, richtig ist.

(Beifall bei der CDU, der Partei Rechtsstaatlicher Offensive und der FDP – Glocke)

Lassen Sie eine Zwischenfrage zu?

Nein, Herr Präsident.

Es geht letzten Endes darum, mit dem vorgeschlagenen Modellprojekt eine neue Kooperation zwischen Grundschulen und Kindertageseinrichtungen zu erproben und die gewonnenen Erkenntnisse flächendeckend in Hamburg für Sprachförderangebote umzusetzen. Das wird – das betone ich noch einmal – in der geplanten Form unter allen 16 Ländern der Bundesrepublik Deutschland einzigartig sein. Die Kindertagesstätten, die in der Vergangenheit eine Funktion als reine Betreuungseinrichtung hatten, werden zukünftig somit auch in Teilen die Rolle einer Bildungseinrichtung, zumindest zum Erwerb der Sprachen übernehmen.

Herr Böwer, wir hatten vor einigen Wochen zusammen mit Frau Ernst, Herrn Buss und anderen aus Ihrer Fraktion in Göteborg Gelegenheit, uns kundig zu machen, wie es in Schweden gehandhabt wird, was den Erwerb von Sprachen anbelangt, und von Finnland wissen wir es letzten Endes auch. Es wurde uns immer wieder gesagt, dass drei Dinge im Land zum Erwerb von Chancen für berufliche Weiterbildung, für Entwicklung in der Gesellschaft, für Teilhabe wichtig sind: Sprache, Sprache, Sprache. Genau das ist der Punkt und in Hamburg ist es nicht anders. Auch hier geht es darum, diese drei Dinge voranzutreiben und zu forcieren. Wir als Bürgerkoalition wollen das jedenfalls und deswegen dieser erste Antrag.

(Beifall bei der CDU, der Partei Rechtsstaatlicher Offensive und der FDP – Wilfried Buss SPD: Unzu- reichend!)

Verehrter Herr Böwer, ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen. Dass die Möglichkeiten der Kindertageseinrichtungen zur frühzeitigen Sprachförderung in Hamburg bisher ungenutzt geblieben sind, darauf weisen beispielsweise die Ergebnisse der ersten Phase des Pilotprojekts „Sprachentwicklung zweisprachiger Kinder im Elementarbereich“ aus dem Jahr 2001 hin beziehungsweise dort sind die Defizite entsprechend aufgeführt. Im Bereich der Sprachförderung in den Kindertageseinrichtungen fehlen nämlich für die Erzieherinnen und Erzieher systematische Anleitungen und Methoden der Erfolgsüberprüfung. Da sind wir im Grunde wieder bei dem Thema, bei dem wir auch bei Modellprojekten an Schulen häufig gelandet sind. Es fehlt an der Systematik, Evaluation durchzuführen, und häufig auch an den finanziellen Mitteln. Und eines muss uns klar sein: Modellprojekte alleine machen keinen Sinn. Sie müssen auch von allen gewürdigt, sie müssen evaluiert werden, erst dann wird ein Schuh daraus und man muss den

Mut aufweisen, auch im Nachgang Korrekturen anzubringen. Aus diesem Grund ist es geboten, die verzahnte Kooperation zwischen Kindertageseinrichtungen und den entsprechenden Grundschulen zu intensivieren.

Lassen Sie mich zum Abschluss kurz Punkt für Punkt auf Ihren Antrag eingehen, warum wir der Ansicht sind, dass der Antrag ungeeignet ist.

In Punkt 1 fordern Sie eine Qualifizierungsoffensive; da sind wir gerade dabei. Sie wissen, dass Professor Reich von der BWS und Senator Lange beauftragt wurde, mit diesem Ziel etwas weiterzuentwickeln. Was wir Ihnen heute als Antrag vorlegen, sind quasi die Antipasti zum richtigen Menü,

(Vizepräsident Farid Müller übernimmt den Vorsitz.)

aber bitte gestatten Sie uns, dass gut Ding Weile haben will.

(Vereinzelter Beifall bei der CDU)

Damit komme ich zu Punkt 2. Sie fordern hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter statt Honorarkräfte. Herr Böwer, unser Antrag geht einen Schritt weiter. Wir sagen nicht Honorarkräfte oder hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für uns sollen es ordentliche, qualifizierte Grundschullehrer und damit Pädagogen sein und dieser Schritt ist ein Schritt in die richtige Richtung und damit weitergehender.

Im dritten Punkt fragen Sie nach den Standorten. Das ist in unserem Antrag enthalten.

(Glocke)

Nein, Herr Präsident, ich gestatte keine weiteren Zwischenfragen.

Darf ich erst die Frage stellen, bevor Sie antworten?

(Jürgen Klimke CDU: Er hat doch keine Zeit mehr!)

Der dritte Punkt, die Frage nach den Standorten, wird im Frühjahr 2003 beantwortet. Das haben wir in der Tat in unserem Antrag gefordert.

Punkte 4 und 5, Bildungsplan Sprachförderung und Entwicklung einer Sprachstandserhebung, sind gerade das, was Professor Reich macht. Mit anderen Worten: Sie haben im Prinzip das abgeschrieben, was die Behörde seit einem halben Jahr macht.

In Punkt 6 fordern Sie, in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule und anderen Bildungsanbietern das Ganze weiterzuentwickeln. Das Programm zur Sprachförderung von Müttern in den Krippen und Kindergärten wird ja in der BWS weiterentwickelt; darauf wird der Senator eingehen. Das ist ja gerade die Sprachüberprüfung.

Und der siebte Punkt, die Berichterstattung im Dezember 2002, ist in der Tat zu kurzfristig. Deswegen haben wir in unserem Antrag Frühjahr 2003 und da sind wir an den Professor gebunden, der mit seiner Ausarbeitung zu Ende sein muss und gesagt hat, er brauche ein Vierteljahr, um einen Bericht zu schreiben, den er dem Parlament vorlegen kann.

Was in Ihrem Antrag steht, wird in der Quintessenz genau seit einem halben Jahr gemacht; der Senator wird es gleich berichten. Wir sind deswegen mit dem, was wir eingeleitet haben, einige Schritte voraus. Aber wir laden Sie dennoch genauso herzlich wie in der Vergangenheit auch ein, zum

(Wolfgang Drews CDU)

Wohl der Kinder an unseren Schulen mitzumachen. – Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU, der Partei Rechtsstaatlicher Offensive und der FDP)

Das Wort hat die Abgeordnete Goetsch.

Herr Präsident, meine Damen und Herren! Herr Drews, Sie haben Glück, dass Sie nicht bei mir im mündlichen Überprüfungsverfahren sind, das wiederum ein Evaluationsinstrument ist, das in der letzten Legislatur eingeführt wurde, um vergleichende Qualitätssicherung einzuführen, denn so viel warme Luft und so wenig zum Thema habe ich schon lange nicht mehr gehört.

(Beifall bei der GAL und der SPD – Burkhardt Müller-Sönksen FDP: Die beste Qualität sind bei uns die Wahlen!)

Ich würde gerne wieder auf den Antrag zurückkommen. Darauf ist nämlich Herr Drews gar nicht eingegangen, das konnte er auch nicht so gut, weil er bei der Anhörung nicht anwesend war.

(Beifall bei der SPD)

Ich möchte erst einmal ein Märchen hinterfragen, das Sie hier dauernd erzählen, die große Einführung der Aktivitäten. Die wissenschaftliche Begleitung zum Thema Migrantenkinder im Vorschulbereich und in der Grundschule hat Anfang 1999 unter der Leitung von Professor Dr. Hans Reich im Auftrag der damaligen Behörde unter Rotgrün begonnen, und zwar um die Sprachentwicklung zweisprachig aufwachsender Kinder in der Vorschule bis zum Ende der Grundschule zu untersuchen. Das Ergebnis ist im Juli 2001 vorgestellt worden, da war noch Rotgrün in der Regierung. Dabei wurde festgestellt – darauf basieren jetzt die weiteren Untersuchungen, wobei die Untersuchungen im Elementarbereich schon unter Rotgrün in Auftrag gegeben wurden –, dass sich eine planlose Herangehensweise an das Erlernen der Zielsprache nicht bewährt hat, dass zeitlich hinreichend und systematisch didaktisch immer die Herkunftssprache den Lernerfolg begünstigt und die Kombination von systematischer Förderung beim Erwerb der Zielsprache unter Einbeziehung der Herkunftssprache zu besseren Ergebnissen führt.

Es kommt in Ihrem Antrag kein einziges Mal vor, dass diese Sprachstandsuntersuchung nur unter Berücksichtigung der Herkunftssprache, der Familiensprache stattfinden kann, wie auch Herr Reich noch einmal deutlich betont hat.

Ich möchte aber erst einmal zur Antragsgeschichte kommen. Frau Freund ist leider nicht da oder hört nicht zu. Dieser Antrag ist wie die in der letzten Debatte besprochene Senatsdrucksache wieder so eine typische Pleiten-, Pechund Pannenangelegenheit. Wie wir ja wissen, wird hier ein Antrag gestellt, ohne eine Anhörung abzuwarten. Man hätte erst einmal in sich gehen und sich von den Ergebnissen dieser Anhörung der Wissenschaftler beeindrucken lassen müssen und dann diesen Antrag stellen sollen.

Ich möchte folgende Punkte widerlegen: Sie fordern eine verbindliche einjährige Sprachförderung. Nach „Ihrem“ Professor Reich widerspricht dies jeglichen Spracherwerbstheorien und Spracherwerbsforschung, dass ausschließlich Deutschkurse erfolgversprechend sind. Das führt nämlich zu einer Separierung, die für die Förderung nicht positiv ist, sondern Spracherwerb ist bei Drei-, Vier

und Fünfjährigen nur in Verbindung mit Handlung und im Kontext mit sprachreichen Aktivitäten sinnvoll. Insofern ist dieser Punkt Ihres Antrags schon hinfällig und widerlegt.

Dann zu den Sprachtests, Herr Silberbach. Die Forderung nach Sprachtests ist nun wirklich hinfällig, es wird keine Sprachtests geben. Es wird Sprachstandserhebungen geben, was ein hochqualifiziertes Instrument ist, und zwar Kinder beim Sprechen zu beobachten.

(Dr. Wieland Schinnenburg FDP: Sind Sie im rich- tigen Antrag?)

Da werden die Kinder nicht in Reih und Glied gesetzt und abgetestet – das ist ein Instrument, mit dem Sie verhindern wollen, dass sie eingeschult werden –, sondern es geht darum, Sprachbeobachtung durchzuführen, und dazu braucht man natürlich hochqualifizierte Erzieherinnen, die auch eine entsprechende sprachdiagnostische Kompetenz haben. Auch dieser Punkt ist von Professor Dr. Hans Reich in der Anhörung widerlegt worden.

(Glocke)

Gestatten Sie eine Zwischenfrage?

Ich gestatte keine Frage.

Der nächste Punkt: Ich hatte eben schon von der Akzeptanz der Herkunftssprachen gesprochen. Professor Reich sagt eindeutig, dass die positive Akzeptanz der Muttersprache, die Einbeziehung der Erstsprache – ich zitiere – positive Auswirkungen hat. Ohne Anerkennung der Zweisprachigkeit wird kein Erfolg in dieser Form möglich sein. Wir brauchen ein förderfähiges System, und zwar vier bis acht Jahre lang und nicht nur ein einziges Jahr; damit ist überhaupt noch nichts erreicht. Wir brauchen sicherlich ein Bildungsjahr, verpflichtend für die Fünfjährigen, aber nicht zur Sprachförderung. Die geht viel früher los und hört nicht in der Schule erst auf.

(Vereinzelter Beifall bei der GAL und der SPD)

Es ist richtig ärgerlich, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse, auch noch von Professor Reich, der für die BBS weiterarbeitet, einfach nicht in Ihrem Antrag vorkommen.

Zum Schluss kommen Sie noch mit einer Oberkeule:

„Es ist sicherzustellen, dass Kinder, deren Eltern die Angebote... nicht annehmen, dann nicht in Normalklassen kommen, sondern in Sprachförderklassen.“

Das wird mit Sicherheit keinen positiven Effekt haben. Frau Freund sagte schon richtigerweise, dass 93 Prozent aller Migrantenkinder in Einrichtungen gehen. Es geht darum, die übrigen Eltern zu gewinnen und nicht mit der Druckkeule zu kommen.