Protocol of the Session on June 26, 2002

tenkindern. Das zeigt deutlich, dass hier dringend etwas getan werden muss.

(Beifall bei der Partei Rechtsstaatlicher Offensive und der FDP)

Die SPD ging jahrelang davon aus, dass das Mitlaufen der Kinder, die zu 93 Prozent in der Betreuung einer Vorschule oder eines Kindergarten sind, reichen würde, um genügend Sprachkenntnisse zu erlangen, bevor sie in die Schule kommen.

Seit zwei, drei Jahren ist es wissenschaftlich erwiesen, dass dies nicht der Fall ist. Es wurden leider erst jetzt Aktivitäten gezeigt, etwas zu tun und umzudenken. Wir haben so schnell wie möglich gehandelt und Herrn Professor Reich damit beauftragt, eine Sprachbestandsprüfungsuntersuchung zu entwickeln, die uns helfen soll, die Kinder herauszusuchen, die dringend einer Sprachförderung bedürfen.

Herr Professor Reich wird an dieser Untersuchung vom nächsten Schuljahr an arbeiten und gleichzeitig auch die Sprachförderungsmaßnahmen entwickeln, wie man den jungen Kindern am besten die Sprache beibringen kann. Bis wir diese Ergebnisse haben, müssen wir noch ein wenig warten, aber wir wollen die Hände nicht in den Schoß legen und die Zeit einfach verstreichen lassen.

Deswegen wird es zunächst ein Modellprojekt geben, an dem circa 30 bis 40 Grundschulen beteiligt werden sollen. Die Kinder sollen von Lehrerinnen oder Pädagogen, die zurzeit keine Anstellung haben, in den Kindergärten der Umgebung einer jeweiligen Schule für einige Wochenstunden betreut werden. Die dort ausgewählten Gruppen, die dieser Sprachförderung bedürfen, sollen von ihnen spielerisch unterrichtet werden. Die Erzieherinnen sollen unbedingt anwesend sein, um dies im täglichen Betreuungsprozess mit anzuwenden.

Davon erhoffen wir uns sehr viel. Die Lehrer, die in diese Kindergärten gehen werden, sind motiviert, weil diese Kinder später nämlich zu ihnen in die Schule kommen, sodass sie dann die Früchte ernten können. Sie profitieren davon, wenn die Kinder schon ein höheres Maß an Sprachkenntnissen mitbringen.

Unser langfristiges Ziel wird sein, dass wir diesen Sprachtest in Hamburg flächendeckend nicht nur für Migrantenkinder, sondern für alle Kinder durchführen lassen wollen. Es gibt – das wissen wir auch – sehr viele deutschsprachige Kinder, deren Sprachkenntnisse noch nicht ganz ausreichen, um dem Stoff der Grundschule folgen zu können. Auch hier müssen dringend Fördermaßnahmen angewendet werden.

Das langfristige Konzept sieht vor, dass die Kinder erst in den Schulprozess aufgenommen werden, die diese Mindestvoraussetzungen erfüllen.

Es wird wohl kaum Konflikte zwischen uns geben, denn die Förderung der deutschen Sprache – das hat auch die Anhörung in der letzten Woche ergeben – ist dringend notwendig. Insofern kann ich eigentlich nur dafür plädieren, dass Sie diesen Antrag unterstützen, damit wir schnellstmöglich die zu erarbeitenden Konzepte im nächsten Jahr gemeinsam umsetzen können. – Vielen Dank.

(Beifall bei der Partei Rechtsstaatlicher Offensive, der CDU und der FDP)

Das Wort hat der Abgeordnete Böwer.

Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren! Frau Freund, ich habe den Zeitungen entnehmen können, dass Sie Schwierigkeiten haben; ich versuche, Ihnen ein wenig zu helfen.

(Dirk Nockemann Partei Rechtsstaatlicher Offen- sive: Auf Ihre Hilfe sind wir nicht angewiesen! Pas- sen Sie auf Ihren eigenen Fraktionsvorsitzenden auf!)

Sie fordern bei der Sprachförderung ein Umdenken. Dieses Umdenken will ich an zwei Zahlen festmachen:

(Burkhardt Müller-Sönksen FDP: Ich schreibe mit!)

Herr Müller-Sönksen, im Haushalt 2001 wurden für die Sprachförderung im Bereich der Kindertagesstätten 2,8 Millionen Euro ausgegeben. Ihr Senat sieht

(Burkhardt Müller-Sönksen FDP: In 2001 haben wir noch D-Mark ausgegeben!)

für das Jahr 2003 2,18 Millionen Euro vor. Das heißt, in diesem Bereich werden 700 000 Euro fehlen. Das nenne ich auch eine Art von Umdenken.

(Beifall bei der SPD)

Angenommen, wir zwei würden einen Spanischkurs besuchen, der jeweils an zwei Wochenstunden stattfindet, erfolgreich bestehen – ich weiß nicht, ob Sie Spanisch können; ich kann es nicht –, dann würden wir gerade einmal in der Lage sein, einen guten Rioja zu bestellen. Sie würden darüber hinaus wahrscheinlich noch in der Lage sein, sich mit dem Wirt über das Wetter zu unterhalten. Aber bei der Frage, ob wir uns in Madrid dem spanischen Alltag stellen oder um einen Job bewerben können, habe ich – auch bei Ihnen – meine Zweifel.

(Katrin Freund Partei Rechtsstaatlicher Offensive: Erzieherinnen sollen auch sehen, wie gefördert wird!)

Im Zusammenhang mit der von Ihnen angesprochenen Sprachförderung im Bereich der Kindertagesstätten reden wir nicht von Erwachsenen – die bei aller Behäbigkeit wissen, was Vokabeln, Zeiten, Fälle und Sätze sind –, sondern wir reden von Kindern im Vorschulalter, die in der Regel davon nichts wissen und vor zwei Aufgaben stehen.

Erstens sollen sie eine ihnen bisher fremde Sprache lernen und zweitens bei der eigenen Muttersprache hinzulernen. Kinder, von denen wir im Augenblick reden und auf die Sie in Ihrem Antrag abzielen, lernen Sprache anders als Schulkinder und Erwachsene. Auch das wissen wir aus der von Ihnen gerade erwähnten Anhörung am letzten Donnerstag.

Sie lernen durch Tun, Bewegen und Berühren von Gegenständen.

(Katrin Freund Partei Rechtsstaatlicher Offensive: Spielerisch!)

Und spielerisch.

(Katrin Freund Partei Rechtsstaatlicher Offensive: So soll es auch sein!)

Der von Ihnen genannte Professor Reich sagt deutlich: Sprachunterricht ist das Letzte, was Kinder im Alter von vier und fünf Jahren gebrauchen können, um Sprache zu lernen.

(Beifall bei der SPD)

Was Kinder im späteren Entwicklungsstadium mühelos lernen – etwa das analytisch kognitive Umgehen mit der

(Katrin Freund Partei Rechtsstaatlicher Offensive)

Sprache –, ist als Fähigkeit in diesem Alter noch nicht vorhanden. Deshalb gilt für das Vorschulalter: Durch Tun, Spielen und Machen werden Fähigkeiten erworben. Von Sprachunterricht kann hier keine Rede sein.

(Jens Pramann Partei Rechtsstaatlicher Offensive: Das hat sie ja gesagt!)

Wenn Sie die Expertenanhörung im Jugend- und Sportausschuss vom letzten Donnerstag richtig verfolgt und auch verstanden hätten, dann hätten Sie eine gewisse Größe zeigen und Ihren Antrag zunächst zurückziehen sollen, um die Erkenntnisse dieser Anhörung mit einzubauen. Das haben Sie nicht getan.

Sie haben auch nichts aus Ihrer eigenen Anhörung dort im großen Saal gelernt,

(Dirk Nockemann Partei Rechtsstaatlicher Offen- sive: Hoffentlich lernen Sie mal aus Ihren Fehlern, die Sie gemacht haben!)

in der die Leitungskräfte der Kitas deutlich darauf aufmerksam gemacht haben, dass die Sprachförderung integraler Bestandteil der Kita-Arbeit sein muss und dass – das haben auch die Experten am Donnerstag genannt – Hauptkraft und nicht Nebenkraft gelten muss. Das heißt, diejenigen, die mit den Kindern arbeiten, sollten auch die Sprachförderung übernehmen.

(Beifall bei der SPD)

Das sind drei fachliche Gründe, die wesentlich sind. Wir bezeichnen Ihren Antrag deshalb nicht als vollkommen unsinnig und kontraproduktiv. Ich möchte Ihnen sehr gerne helfen. Darum mache ich Ihnen sechs Vorschläge, über die wir gemeinsam diskutieren können.

Erstens: Wir nehmen das Geld für Ihren Modellversuch – Sie haben versucht, diesen etwas fade und sehr unverbindlich darzustellen – und stecken es in die Sprachförderung zur Qualifikation von Erzieherinnen und Erzieher, die Tag für Tag mit den Kindern im Kindergarten arbeiten.

(Beifall bei der SPD und bei Christa Goetsch GAL)

Wenn der Zeitpunkt kommt, dass Sie kein Geld mehr für Ihr Modellprojekt haben, dann bleibt zumindest die Qualifikation dieser Erzieherinnen und Erzieher. Das ist zumindest ein Pfund, mit dem wir wuchern können.

Zweitens: Wir glauben, dass es im Zusammenhang mit der Sprachförderung dringend erforderlich ist, eine Qualitätsvereinbarung zwischen dem Amt für Kindertagesbetreuung und Trägern der Kindertagesstätten herbeizuführen. Bisher ist die Sprachförderung für Kinder der Kindertagesstätten in Hamburg nichts Neues; das ist Praxis. Wir können allerdings gemeinsam dafür sorgen, dass diese noch sehr viel verbindlicher in den erzieherischen Prozess mit einfließt.

Drittens: Machen wir uns kundig darüber – ich habe aufgrund Ihres Antrags den Eindruck, dass Sie hierüber bisher nicht richtig recherchiert haben –, an welchen KitaStandorten im Augenblick eine Sprachförderung stattfindet. Diese Untersuchung gibt es bisher noch nicht. Das wäre eine Aufgabe für Senator Lange und sein Amt für Kindertagesbetreuung.

Viertens: Wir kämen hinsichtlich der Sprachförderung so zu einer anderen Art von Zusammenarbeit zwischen Kita und Grundschule. Wir haben am Donnerstag erfahren, dass der Sprachförderungsprozess für Kinder kein kurzfristiges Projekt ist, sondern Herr Professor Reich hat aus

geführt, dass wir sinnvollerweise über einen Zeitraum von vier bis sieben Jahren reden müssen. Deshalb braucht es in der Frage der Sprachförderung von Kindern einer neuen Qualität der Zusammenarbeit zwischen den Institutionen und nicht allein zwischen den Personen. Das ist die eigentliche Herausforderung. Deswegen war es sehr bedauerlich, Herr Kollege Drews, dass ich Sie bei der Anhörung leider nicht begrüßen konnte, obwohl Sie federführend für den GAL-Antrag „5 plus“ zur Sprachförderung sind.

(Zuruf von der SPD: Hört, hört!)

Fünftens: Sie fordern Sprachtests und wollen dann entscheiden, ob Kinder in die Schule kommen können. Wir sagen, dass wir – in Analogie zu dem, was Herr Professor Reich ausgeführt hat –, Sprachstandserhebungstests brauchen, die auch die Muttersprache des jeweiligen Kindes im Auge behalten. Diese brauchen wir bei Eintritt in den Kindergarten und in dem Zeitraum vor dem Schuleintritt, um den eigentlichen Förderbedarf für die Kinder entsprechend zu entwickeln.