Dafür, dass der Hebammenmangel bereits seit 2016 eklatant ist, ist Ihre jetzige Initiative, die der Forderung des Bundes folgt, immerhin ein Anfang. Sie haben viel Zeit verschlafen, Hebammen und die ihnen anvertrauten Eltern und Kinder zu unterstützen. Ich fordere Sie auf, endlich umfassend tätig zu werden – zum Wohl der Geburtshilfe, für Präventionsmaßnahmen, für Hilfsmöglichkeiten, zum Wohle unserer Kinder, die einen guten Start ins Leben verdient haben.
Vielen Dank, Frau Abg. Dr. Sommer. – Als Nächste hat die Abg. Ravensburg von der CDU-Fraktion das Wort. Bitte schön.
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Eine Geburt gehört zu den großartigsten Erlebnissen, die Eltern widerfahren. Trotzdem ist eine Geburt auch mit Ängsten, mit Schmerzen und mit Sorgen um das Neugeborene verbunden.
Doch es gibt da eine Person, die den Eltern Sicherheit und Vertrauen schenkt, nämlich die Hebamme. Sie ist diejenige, die den werdenden Eltern beisteht, auf die sie sich verlassen können und zu der sie Vertrauen haben.
Genau deshalb ist es wichtig, dass ausreichend viele junge Menschen diesen Beruf ergreifen und Bedingungen vorfinden, unter denen sie gut arbeiten können. Wir wollen erreichen, dass sich Hebammen auf einen einzigen Geburtsprozess konzentrieren können und nicht mehr durch die Betreuung zeitlich parallel verlaufender Geburten hin- und hergerissen werden.
Das ist unser Ziel: die 1:1-Betreuung. Sie verbessert nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern die Gebärende kann sich auch darauf verlassen, dass sie in allen Phasen der Geburt fachkundig und zugewandt begleitet wird.
Meine Damen und Herren, ich will auch gar nicht daran vorbeireden: Wir brauchen dazu weitere Hebammen. Wir sehen nämlich in der Überwindung des Hebammenmangels eine ganz entscheidende politische Aufgabe. Auch der runde Tisch Hebammen sieht es so. Hier kommen nämlich
alle beteiligten Akteure, insbesondere die Hebammen selbst, zu Wort. Sie diskutieren über Maßnahmen und priorisieren, um eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erreichen. Dieser runde Tisch arbeitet noch.
Dazu gehört auch eine gute und fundierte Ausbildung auf Hochschulniveau. Ich glaube, das haben alle Vorrednerinnen auch so gesehen. Wir versprechen uns davon, dass die Hebamme die berufliche Anerkennung erhält, die ihr aufgrund ihrer guten Ausbildung und aufgrund der Verantwortung, die sie trägt, auch zusteht. Ausdrücklich will ich aber klarstellen, dass unsere Hebammenschulen bereits eine sehr gute und fachlich fundierte Ausbildung leisten. Übrigens ist die Ausbildung auf europäischer Ebene einem Bachelorstudium gleichgestellt.
Doch unser Problem ist, dass es die Fachschulen nur in Deutschland gibt, während sie in anderen europäischen Ländern eher unbekannt sind, und dass das immer wieder zu Schwierigkeiten bei der Anerkennung führt. Die Harmonisierung der Ausbildung in Europa ist daher unser wichtiges Ziel; denn schließlich wollen wir alle, dass Fachkräfte auch länderübergreifend tätig werden können.
Der Bundesgesetzgeber hat die Vollakademisierung der Hebammenausbildung ab 2023 beschlossen. Dieser Weg ist konsequent und richtig, und wir versprechen uns davon auch eine deutliche Aufwertung des Berufes und eine deutlich höhere gesellschaftliche, aber auch finanzielle Anerkennung für die Hebammen. Hessen hat den Weg der Akademisierung unterstützt und kann jetzt auf den guten Erfahrungen aufbauen, die die Hochschule Fulda mit dem Modellstudiengang Hebammenkunde bereits gemacht hat. Hessen beginnt also nicht bei null, sondern Hessen baut auf den Erfahrungen mit dem etablierten und voll akkreditierten Modellstudiengang auf.
Trotzdem stehen wir mit der Schließung der Fachschulen und der Vollakademisierung der Ausbildung vor einer tiefgreifenden Reform, die viel Vorarbeit erfordert hat. Dass wir jetzt in Hessen eine wirklich herausragende Lösung haben, liegt maßgeblich daran, dass sich alle Beteiligten konstruktiv in den Entscheidungsprozess einbringen konnten und die Politiker gut zugehört haben.
Auch wir haben im Vorfeld viele Gespräche geführt. Mein Kollege Andreas Hofmeister hat viele gute Argumente der Hochschulen aufgenommen, aber auch die Fachschulen und der Hebammenverband haben sich eingebracht. Schließlich war eine Vielzahl von verschiedenen Interessen, auch der Hochschulen, zu berücksichtigen. Ich danke allen, die an diesem Prozess teilgenommen haben. Viele Vorschläge wurden gemacht, doch irgendwann musste entschieden werden.
Wir begrüßen ausdrücklich, dass das von unserer hessischen Wissenschaftsministerin Angela Dorn und den Hochschulen vorgestellte innovative Konzept jetzt bundesweit herausragend ist. Wir sichern damit die praxisnahe und fachkompetente Ausbildung der Hebammen an den drei hessischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften: der Hochschule Fulda, der University of Applied Sciences in Frankfurt und der THM in Gießen. Durch eine Tandembildung dieser Hochschulen mit jeweils einer der drei Universitäten mit einer Medizinfakultät, also den Universitäten in Frankfurt, in Marburg und in Gießen, wird es zu einer in Deutschland einmaligen engen Kooperation
kommen, in die auch das Universitätsklinikum in Frankfurt und das Universitätsklinikum in Gießen und Marburg einbezogen werden.
Dadurch können nämlich deren Expertise genutzt und die wissenschaftliche Begleitung der Ausbildung erreicht werden. Künftig wird es den Studierenden möglich sein, in der Geburtshilfe auch einen wissenschaftlichen Weg einzuschlagen, einen Masterstudiengang zu absolvieren, zu promovieren und eine Habilitation aufzusetzen. So sollen die Hebammenwissenschaften als eigenes Forschungsgebiet etabliert und die Geburtshilfe in der Medizin gestärkt werden. Das wird den Hebammenberuf aufwerten und die Augenhöhe mit der Medizin herstellen.
Profitieren werden davon in jedem Fall die werdenden Eltern und die Neugeborenen; denn die Forschung wird das Wissen um eine noch sicherere Geburt voranbringen. Das ist eine gute Nachricht.
Eine weitere wichtige Nachricht ist, dass die Sicherstellung des Hebammennachwuchses mit Landesgeld unterstützt wird, indem die bisherigen Ausbildungskapazitäten von durchschnittlich 120 Hebammen im Jahr auf 142 im Jahr aufgestockt werden. Das ist ein wichtiger und auch in den Kliniken hochwillkommener Beitrag, um dem Hebammenmangel entgegenzuwirken.
Die Fachkompetenz der Fachschulen soll beim Aufbau der Studiengänge genutzt werden. So erhalten viele Lehrkräfte die Möglichkeit, künftig als Dozenten tätig zu werden, und deren Know-how geht nicht verloren.
Frau Böhm, ich will Nordhessen ausdrücklich erwähnen; denn Sie haben recht: Der bisherige Fachschulstandort in Kassel wird künftig wegfallen. Aber das ganze Konzept wird um einen weiteren wichtigen Baustein ergänzt: die Vernetzung der Geburtshilfekliniken in ganz Hessen. Angedockt an die zwei Uniklinikstandorte, werden die anderen Geburtsklinikstandorte in Hessen in einem Kompetenznetzwerk miteinander verbunden.
Das bedeutet natürlich auch, dass der Nachwuchs flächendeckend in ganz Hessen gesichert werden kann. Das heißt, dass die Standorte in Nordhessen künftig in die praktische Ausbildung einbezogen werden. Natürlich können auch Auszubildende in der Hebammenkunde und Studierende aus Nordhessen vor Ort ein gutes Studium absolvieren und eine praktische Ausbildung machen. Umgekehrt werden sie vom Transfer der Wissenschaft durch diese Hochschulkooperation profitieren, und natürlich werden auch die Geburtshilfekliniken in Nordhessen durch den Sicherungszuschlag unterstützt.
Herr Pürsün, nach Ihrer Rede scheint es mir so gewesen zu sein, dass dieses Hochschulkonzept so gut ist, dass Sie lieber gar nicht darüber geredet, sondern sich in Ihrer gesamten Rede mit der Corona-Pandemie beschäftigt haben.
Ich fasse zusammen: Die Akademisierung der Hebammenausbildung wird ein Meilenstein sein, um die Attraktivität
dieses tollen Berufs zu erhöhen. Doch wir werden nicht in unserem Bestreben nachlassen, weitere Verbesserungen für die Hebammen zu erreichen. Jede Schwangere in Hessen soll sich darauf verlassen können, dass ihr vor, während und nach der Geburt eine Hebamme zur Seite stehen kann. Deshalb warten wir gespannt auf die weitere Arbeit des runden Tisches Hebammen, und dann werden wir handeln. – Vielen Dank.
Vielen Dank, Frau Kollegin Ravensburg. – Nächste Rednerin ist die Abg. Papst-Dippel für die Fraktion der AfD.
Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren! Es ist schon sehr erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit im Hessischen Landtag Jahr für Jahr dieselben Themen auf die Tagesordnung gesetzt werden. Seit Jahren ist die Hebammenversorgung in Hessen ein Thema, seit Jahren wird dem Wähler versprochen, dass man das Thema ernst nimmt und sich darum kümmert. Das sollte durchaus möglich sein, wenn man seit Jahren eine stabile Mehrheit im Landtag hinter sich weiß und einer Oppositionsfraktion mit Aussagen wie: „Wir kümmern uns darum, dafür braucht es keinen Antrag der AfD“, begegnet.
Was genau wurde aber in den letzten Jahren unternommen, um die Hebammenversorgung in Hessen sicherzustellen und die bestehende Mangelsituation zu beseitigen? Dem heute vorliegenden Entschließungsantrag sind keine großen Neuerungen zu entnehmen. Die Fraktion der CDU und die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN werben damit für sich, dass sie die Bundesvorgaben zur Akademisierung der Hebammenausbildung in Hessen umsetzen und die 120 Ausbildungsplätze in Studienplätze umgewandelt sowie zugleich deren Zahl auf 142 erhöht haben. Es wird zwar die Möglichkeit der Erweiterung erwähnt. Aber warum wird es nicht umgesetzt?
Ich fahre fort: Was genau wurde in den vergangenen Jahren effektiv unternommen? Es wurde ein runder Tisch eingerichtet. Bayern konnte zu diesem Zeitpunkt bereits Ergebnisse vorweisen. In Hessen liegt derzeit vom Deutschen Krankenhausinstitut ein Gutachten zur Situation der Hebammen in Hessen vor. Warum wird ein Gutachten in Auftrag gegeben, wenn die Inhalte am Ende durch die eigene Brille gefiltert betrachtet und bewertet werden?
Die Sicherung und der Ausbau der Ausbildungskapazitäten sind dabei nur ein Punkt. Mit Ihrem Entschließungsantrag haben Sie deutlich gemacht, worin die Unterschiede zwischen Ihnen und der AfD liegen. Das Wort „Eltern“ wird nur im Zusammenhang mit Informationen für wichtige Entscheidungen erwähnt. So etwas wie Familie kommt in Ihrem Entschließungsantrag überhaupt nicht vor. Dabei hat das Zusammenspiel von Mutter und Vater eine extrem wichtige Funktion und muss gesehen werden. Auch im Kreißsaal wünschen die meisten Frauen die Begleitung durch den Vater.
Wir haben uns hier bereits über das Nationalen Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ unterhalten. Der Gesundheitsplan offenbart weitere sehr wichtige Aufgaben, die Hebammen übernehmen, und den Grund, warum es nicht mit der 1:1-Betreuung während der Geburt getan ist.
Hebammen sind Ansprechpartner für Fragen, die während der Schwangerschaft aufkommen: Bewegung, Ernährung, Unterstützung bei den mit der Schwangerschaft einhergehenden Veränderungen. Sie stärken werdende Eltern und bereiten beide Elternteile auf die Geburt und die Zeit danach vor und nehmen etwaige Ängste. Sie beraten Eltern nach der Geburt zur Pflege des Kindes, helfen bei Stillproblemen und dabei, eine gesunde und funktionierende Familie zu bilden. Familien während dieser sensiblen und stressigen Phase zu unterstützen und ein Zusammenwachsen zu fördern ist eine wichtige und unverzichtbare Arbeit für die gesamte Gesellschaft.
Die sozialen Aspekte klammern Sie vollständig aus, ebenso wie Sie eine Mutter vor, während und nach der Schwangerschaft losgelöst vom Vater und somit der Familie sehen. Eine gute Hebamme wird frühzeitig auch etwaige Schwierigkeiten des frischgebackenen Vaters erkennen und ihm Hilfestellung leisten. Unter diesen Aspekten ist es nicht verwunderlich, dass zu dem Praxisworkshop eingeladene Experten gar nicht erst daran teilgenommen haben. Von sieben eingeladenen Experten waren nur drei dabei; wichtige Verbände wie der Landesverband der Hessischen Hebammen, der Bund freiberuflicher Hebammen oder Vertreter der Hebammenschulen haben sich entschuldigen lassen.
Aber sprechen wir über das Gutachten und darüber, zu welchem Ergebnis es uns bringen sollte. Ihm ist zu entnehmen, dass 49 % der Frauen erst durch Freunde, Bekannte oder Nachbarn von ihrem Anspruch auf Hebammenhilfe erfahren. 32 % erfahren davon durch ihren Arzt.
Hier sehen wir schon das erste Problem: Es mangelt an Kommunikation. Ziel sollte es sein, dass jede Frau von ihrem Arzt über ihren Anspruch auf Hebammenhilfe informiert wird. Dann müssen allerdings auch flächendeckend genügend Hebammen zur Verfügung stehen. In diesem Arztgespräch könnte auch eine Vermittlungsarbeit stattfinden, die im Rahmen der eigentlich gewünschten Zusammenarbeit zwischen Arzt und Hebamme möglich sein sollte.
So könnte der Stress für die Schwangere reduziert werden, die laut Gutachten bei durchschnittlich sieben Hebammen anfragen muss. 96,7 % der Befragten gaben an, dass die kontaktierten Hebammen keine Zeit hatten. 8 % wussten überhaupt nicht, wo sie eine Hebamme aufsuchen können. 12,9 % der Frauen haben an ihrem Wohnort keine Hebamme gefunden. Eine frühe Feststellung der Schwangerschaft sollte heutzutage sofort zum Kontakt mit der Hebamme führen; denn sonst findet man einfach keine Hebamme. Das Problem kann also nicht mit einem Ausbildungsplus von 22 Studienplätzen gelöst werden.
Eine vorgeschlagene und unter Beachtung der eben genannten Zahlen wichtige Forderung ist die zeitnahe Einrichtung einer Koordinierungsstelle, die gegebenenfalls als Hebammenvermittlungszentrale fungieren kann. Ärzte als erste Ansprechpartner schwangerer Frauen müssen hier mit
Hervorgehoben wurde weiterhin, dass Hebammen vermehrt angestellt werden sollten. Das passt zu früheren bundesweiten Studien, nach denen vor allem die Arbeitsbedingungen dafür sorgen, dass Hebammen den Beruf wechseln. Wie Sie nun endlich diesen bekannten Missstand beheben wollen, kann man dem Entschließungsantrag nicht entnehmen.