Herr Boddenberg, ich werde Ihnen das später erläutern. Aber es wundert mich nicht, dass Sie das nicht verstehen. Da könnte man wirklich auch Eulen nach Athen tragen. Aber ich erläutere das gerne. Ich werde das auch in den nächsten drei Jahren noch gerne erläutern.
Es geht um die Ziele. Man könnte ja auch einmal überlegen,ob man nicht einmal die Ziele erreichen kann,die der Girls’ Day ursprünglich hatte.
Man könnte den Girls’ Day sogar noch weiterentwickeln. Man könnte ihn weiterentwickeln und versuchen, zu erreichen, dass Frauen in der Arbeitswelt wirklich die gleichen Chancen haben. Man könnte versuchen, zu erreichen, dass Frauen den gleichen Lohn erhalten.Außerdem könnte man versuchen, zu erreichen, dass die Arbeitswelt frauengerechter wird. Das liegt allerdings den beiden Alibiministerinnen dieser Regierung äußerst fern.
Die Jungs haben also gemurrt. Das ist kein Wunder.Auch sie wollten einen Tag aus der Schule raus. Das wundert einen nicht, wenn man sich die hessische Schulpolitik anschaut.
Die Ministerinnen sind dann gesprungen. Sie haben die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen und gesagt, dann verwässern wir den Girls’ Day endgültig.
Herr Boddenberg, Sie sollten jetzt zuhören. An dieser Stelle folgt nämlich mein beliebter Vortrag über die Geschlechtergerechtigkeit. Den werde ich hier noch viele Male halten müssen. Geschlechtergerechtigkeit bedeutet nicht, dass beide Geschlechter dasselbe bekommen. Vielmehr bedeutet Geschlechtergerechtigkeit, dass man schaut,was die unterschiedlichen Geschlechter jeweils benötigen. Dabei muss man auch die Ausgangssituationen betrachten.
In diesem Fall sieht das so aus: Jungen haben relativ häufig Gelegenheit, sich typische Frauenberufe anzuschauen. Frisörinnen, Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen erleben Jungs zuhauf. Warum sollen sie dann bei denen auch noch ein Praktikum machen? Sie glauben doch selbst nicht, dass die Jungs dahin stürzen werden, um bei Erzieherinnen und Krankenschwestern den Girls’ Day zu verbringen. Das glauben Sie doch selbst im Traum nicht.
Es ist doch ein wesentlicher Unterschied, dass es viele Männerberufe gibt, die Mädchen in dieser Form nicht erleben. Piloten, Kernphysiker und Maschinenschlosser, das sind einfach Berufe, die nicht so präsent sind. Von daher ging es immer darum, dafür auch Mädchen zu interessieren. Unsere Forderung ist, den Girls’ Day nicht zurückzuentwickeln, sondern ihn weiterzuentwickeln. Es wäre schön, wenn die Hessische Landesregierung einmal damit anfangen würde, Dinge voranzubringen, anstatt hinter den Ausgangspunkt zurückzukehren.
Was Sie da anstreben, ist ein allgemeiner Berufspraktikumstag oder ein Kids’ Day, oder wie auch immer. Ich sage immer: Wenn Sie den Geschlechteraspekt herausnehmen wollen, Frau Lautenschläger und Frau Wolff, seien Sie ehrlich, dann benennen Sie den Tag um. Dann ist klar: Die Hessische Landesregierung hat mit der Geschlechtergerechtigkeit nichts am Hut.
(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Frank Gotthardt (CDU): „Am Hut“ ist am heutigen Tag eine schwierige Formulierung!)
Sie schauen immer so gerne nach Fulda. Daher kann ich Ihnen erzählen, welche Möglichkeiten Mädchen in Fulda in diesem Jahr haben werden. Sie werden nämlich die Gelegenheit haben, Frauen, die sich selbstständig gemacht haben, und Frauen in Führungspositionen über die Schulter zu schauen. Denn es geht nicht nur darum, dass sich Frauen Männerberufe ansehen, sondern wenn man eine größere Geschlechtergerechtigkeit erreichen will, geht es auch darum, dass Frauen und Mädchen auch Frauen als Vorbilder haben. So könnte z. B. eine Weiterentwicklung des Girls’ Day aussehen.Aber damit, dass Sie ihn endgültig verwässern, schaffen Sie ihn letztendlich ab.
Der Antrag der FDP ist auch nicht wirklich zielführend. Wir wissen, dass Sie immer für das freie Spiel der Kräfte sind, völlig ignorierend, dass Jungen und Mädchen in unserer Gesellschaft immer noch sehr unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen haben.
Daher haben wir an dieser Stelle eine klare Forderung: nicht zurück auf den Ausgangspunkt. Entwickeln Sie den Girls’ Day weiter, damit er den Namen verdient, den er hat. Oder seien Sie konsequent und schaffen ihn ab.Aber erzählen Sie nicht immer, Sie hätten irgendetwas mit Geschlechtergerechtigkeit zu tun, und am Ende kommt dann immer der Vortrag über die Kinderbetreuung.
Aber auch das hat – das kann man z. B. in Frankreich feststellen – die Frauen in Führungspositionen nicht gestärkt. Wenn Sie Frauen wirklich fördern wollen, müssen Sie ernsthaft Maßnahmen ergreifen, die ihnen gerecht werden, und sollten nicht, weil Sie zu ideenlos sind und weil Sie Frauen überhaupt nicht unterstützen wollen, einfach sagen: Na ja, dann machen wir jetzt irgendetwas, wohl wissend, dass die Jungen nicht so blöd sein werden, zu sagen: Wir schauen uns jetzt die schlechter bezahlten Berufe an, die wir im Alltagsleben sowieso überall schon erleben. – Ihnen geht es darum, einen Tag außerhalb der Schule verbringen zu können. Dass Sie auf dieses Stöckchen gesprungen sind, spricht nicht für Sie. – Vielen Dank.
Herr Präsident, meine Damen und Herren! Meine lieben Kollegen von den GRÜNEN, irgendwie haben Sie Probleme mit den Ursprüngen und der geschichtlichen Wahrheit. Der Girls’ Day ist in Deutschland seit 1993 bekannt. Er kommt wie so vieles aus Amerika. Dort hieß er „daughters’ day“. Da war der Sinn der Sache, dass die Töchter einen Tag im Jahr mit ihrem Vater ins Büro oder zur Arbeit gehen,um einfach einmal zu sehen,was der Vater den ganzen Tag macht. Denn die Arbeit der Mutter zu Hause können sie ja meistens beurteilen. Das war der Ursprung. Er hatte damals mit Frauenberufen, Männerberufen und Gleichberechtigung überhaupt nichts zu tun.
Dass der Girls’ Day für Boys den Jungen geöffnet werden soll, ist auch keine Idee der beiden Ministerinnen. Es war nämlich die FDP, die als Erste vorgeschlagen hat, ihn auszuprobieren.
(Beifall bei der FDP – Frank-Peter Kaufmann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Natürlich! Immer war es die FDP!)
Mein lieber Herr Kaufmann, Sie haben doch ein gutes Archiv. Sehen Sie doch einmal in der Pressemitteilung nach, wer das nach dem 28. April des letzten Jahres als Erster gefordert hat.
Das ist dankenswerterweise von beiden Ministerinnen aufgegriffen worden, und es ist auch von der Bundesregierung aufgegriffen worden. Die SPD lebt also noch völlig weit dahinter her.Die SPD weiß auch gar nicht,wie der Tag heißt. Er heißt nämlich Girls’ Day, Mädchentag, und nicht „Tag des Mädchens“. Sie sollten die Schreibweise in Ihrem Antrag einmal überdenken und genauer betrachten.Sie zeigt,dass schon der Inhalt des Tages bei Ihnen gar nicht angekommen ist.
(Margaretha Hölldobler-Heumüller (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Zumindest sind die Männer Ihrer Fraktion geflüchtet!)
Der Mädchenzukunftstag spricht für sich,und er hat einen sehr großen Erfolg. 250.000 Mädchen haben daran teilgenommen, über 10.000 Veranstaltungen gibt es an diesem Tag, und er wird von uns sehr begrüßt. Es stimmt: Angesichts der Tatsache, dass die Mädchen bei 354 Ausbildungsberufen letztendlich immer nur bei den zehn beliebtesten landen, zeigt, wie wichtig es ist, dass man Mädchen an Berufsbilder heranführt oder ihnen Berufsbilder präsentiert, die anders sind, die vielleicht technisch gelagert sind und wo sie sich sonst nicht hintrauen würden.
Folgerichtig hat die Bundesregierung reagiert und auch gefordert, dass wir in den erfolgreichen Mädchentag auch die Jungen einbeziehen sollen. Deshalb haben verschiedene Bundesländer wie Niedersachsen, Hamburg und auch Nordrhein-Westfalen mittlerweile reagiert und laden auch die Jungen an diesem Tag dazu ein, sich in den Berufen umzusehen.
Indem der Girls’ Day auch für Jungen geöffnet wird, verändert sich der Sinn der Sache für die Mädchen überhaupt nicht. Er bleibt genau so erhalten, wie er vorher war.
Das Interesse von jungen Frauen an Ausbildungsberufen, die ihnen vielleicht nicht so nahe liegen, wie man das normalerweise annimmt, ist doch weiterhin vorhanden. Sie können weiterhin in technische Berufe gehen. Das eine schließt das andere nicht aus. Es gibt umgekehrt genauso die Notwendigkeit, Jungen an Berufe heranzuführen, an die sie normalerweise überhaupt nicht kommen. Natürlich kennen die Jungen die Erzieherin, die Jungen kennen auch die Krankenschwester, und sie kennen die Grundschullehrerin. Sie kennen sie aber in einer ganz anderen Funktion. Sie kennen sie nicht in der Funktion als ein Beruf, den sie selber auch erlernen können. Sie kennen sie immer nur als Erziehungsperson und als Ausbildungsperson. Daher ist es ein großer Unterschied, ob ich als Praktikant in einen Kindergarten gehe und ob ich als Praktikant einmal in einer Krankenstation oder in einem Altenheim arbeite oder ob ich da als ganz normaler Schüler bin.
Bei der intensiven Mädchenförderung – das habe ich schon immer gesagt – muss aufgepasst werden, dass dadurch nicht eine Benachteiligung der Jungen entsteht.Die
Mädchenwerkstatt in Wiesbaden habe ich schon öfter aufgefordert: Wenn ihr nur Tage für Mädchen macht, müsst ihr auch einmal einen Tag für Jungen machen.
Wie weit sind wir mittlerweile? Es ist eindeutig klar, dass wir einen bildungspolitischen Handlungsbedarf für die Jungenförderung haben. Selbst die GEW hat immerhin schon erkannt, dass ein Blick auf die Bildungsforschung sehr deutlich macht: Die Jungen sind die schlechteren Schüler. Sie schneiden überall schlechter ab. Sie sind häufiger verhaltensauffällig und weisen eine geringere Abitur- und zunehmend auch eine geringere Studierendenquote auf. Zwei Drittel der Schulabbrecher im Jahr sind männlich. Es gibt also wirklich einen deutlichen Nachholbedarf für die Jungen.
Mittlerweile gilt: je höher der Bildungsgang, je größer der Anteil der Mädchen. In Hessen liegt der Mädchenanteil am Gymnasium mittlerweile bei 53 %. Das ist alles zu begrüßen.Trotzdem muss man aufpassen, dass die Jungen in der gesamten Förderung nicht hinten herunterfallen.
Mädchen haben später bei der Berufsbiografie Probleme. Das hängt mit der persönlichen Lebensplanung zusammen. Das hängt auch damit zusammen, dass sie zwischendurch einmal ausscheiden und eine Familienpause einlegen wollen. Deshalb sind sie in Spitzenberufen und in Spitzenpositionen seltener zu finden. Trotzdem brauchen Jungen mittlerweile eine intensive Hilfestellung beim Übergang von der Schule ins Berufsleben, da sie dort die schlechteren Abgänger sind und viele Berufsbilder,die sie vielleicht erlernen könnten, auch nicht finden. Von daher gesehen ist es dringend notwendig, dass dieser Tag auch für Jungen geöffnet wird.
Ich sage Ihnen ganz klar: Die Jungen stattdessen in der Schule sitzen zu lassen, wie die GRÜNEN das fordern, und ihnen einen Vortrag über die Geschlechterrolle und über die Geschlechtergerechtigkeit zu halten, halte ich in diesem Fall für eine echte Benachteiligung der Jungen.
Welchen Weg will die SPD gehen? Sie braucht unbedingt, staatstreu, wie sie ist, einen Aktionsplan der Landesregierung, damit die Landesregierung den Jungen und den Mädchen zeigen kann, wie sie vielleicht einmal irgendwie in die Berufsausbildung kommen und welche Berufe es in diesem Land gibt.
Ich finde, alles läuft so, wie es läuft, sehr gut. Die Mädchen und die Jungen melden sich freiwillig.Wir nehmen z.B.am nächsten Girls’ Day einen Jungen und ein Mädchen in die Fraktion auf. Dafür brauchen wir gar keinen Aktionsplan der Landesregierung.
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kollegen und Kolleginnen! Ich freue mich, dass Frau Henzler noch einmal sehr deutlich dokumentiert hat, dass der Girls’ Day ein hervorragendes Instrument ist, um Mädchen die naturwissenschaftlich-technischen Berufe näher zu bringen.
Der Girls’ Day wird in diesem Jahr in Hessen zum vierten Mal für die 5. bis 10. Klassen durchgeführt. Denn immer noch orientiert sich die Berufswahl der Mädchen zu sehr an den klassischen Frauenberufen. Schon in der Schwerpunktsetzung in der Schule bei der Einwahl in AGs oder bei der Wahl der Leistungskurse und natürlich auch bei der Wahl bestimmter Schulformen hinterher werden schon sehr früh wesentliche Weichen für die spätere Berufswahl gestellt. Deshalb ist es richtig und wichtig, dass wir den Mädchen sehr frühzeitig auf dem Weg zu den technischen und den naturwissenschaftlichen Bereichen hilfreich zur Seite stehen und sie auch durch Kontakte zu den Unternehmen für dieses Berufe interessieren können.
Der Girls’ Day war ein Erfolgsmodell mit bundesweit 11.000 Teilnehmerinnen in 1.000 Unternehmen im vergangenen Jahr, ein Mädchenzukunftstag, und das soll er auch bleiben, auch gerade bei uns in Hessen.
Aber auch die Jungen orientieren sich eindimensional oft für typische Männerberufe. Darauf weist auch besonders eine Broschüre des Bundesfamilienministeriums hin.Frau Hölldobler-Heumüller, Sie sollten sie sich einmal anschauen. In das Konzept des Girls’ Day sind deshalb – Frau Henzler hat darauf hingewiesen – die Jungen sehr bewusst integriert. Denn das ist kein hessischer Alleingang.
Neben der Reflexion über das eigene Rollenverständnis sollte der Girls’ Day auch eine Gelegenheit für Jungen sein, klassische Frauenberufe kennen zu lernen, ob im Kindergarten, in der Grundschule oder in der Altenpflege. Wir können uns nicht hinstellen und bejammern, dass zu wenig Jungen den Grundschullehrerberuf ergreifen. Dann sollten wir ihnen auch die Chance geben, das Berufsleben nicht aus der Schülersicht, sondern einmal aus der Sicht der Lehrer zu betrachten.