Protocol of the Session on December 11, 2019

Wir wissen, welche Defizite es bei den Kindern in Bremen im Bereich des Sprachstandes gibt. Bei dem Cito-Sprachtest wurde 2018 bei knapp 40 Prozent der Kinder ein Sprachförderbedarf festgestellt. Diese Zahl ist seit dem Jahr 2010 kontinuierlich gestiegen. Der Sprachförderbedarf ist dabei aber nicht gleich verteilt, das lässt sich in der Stadt Bremen an den Stadtteilen ablesen. Während in Borgfeld oder Oberneuland nur etwas mehr als 12 Prozent der Kinder einen Sprachförderbedarf aufweisen, sind es in Osterholz die Hälfte aller Kinder und in Gröpelingen sogar 66 Prozent. Es sind vor allem die Kinder in den benachteiligten Stadtteilen und aus den benachteiligten Familien, die von Anfang an schlechtere Startchancen haben.

Kinder, die mit unvollständigen Sprachkenntnissen in die Schule starten, werden dort schnell abgehängt. Sie können auch dem Unterricht in den anderen Fächern nicht folgen und drohen dauerhaft von Bildungsprozessen ausgeschlossen zu werden.

Unser Ansetzen bei der frühen Sprachbildung ist also bewusst auch ein Einsetzen für mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem und ein Baustein in unserem Bemühen, die starke Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Bremen endlich aufzubrechen.

(Beifall DIE LINKE, SPD, Bündnis 90/Die Grünen)

Wir wissen, dass die derzeitigen Maßnahmen der Sprachförderung nicht vollständig greifen. Ich weiß nicht, wer das gerade gesagt hat, dass Cito-getestete Kinder nicht gefördert würden. Richtig ist, dass Cito-getestete Kinder, selbst wenn sie keinen KitaPlatz haben, eine additive Sprachförderung erhalten. Auch richtig ist, dass sie, wenn sie keinen Kita

Platz bekommen haben, die alltagsintegrierte Sprachförderung nicht erhalten.

Daher besteht die Notwendigkeit, genau zu schauen, welche aktuellen Sprachförderangebote funktionieren und welche keine nachhaltigen Ergebnisse aufweisen. Eine Bestandsaufnahme, die Weiterentwicklung der positiven Maßnahmen und das Auffüllen von Forschungslücken zur Sprachförderung ist unser erster Schritt, den wir zusammen planen.

Zweitens wollen wir sicherstellen, dass die als positiv erkannten Maßnahmen künftig auch flächendeckend eingesetzt werden, und das pädagogische Personal entsprechend aus- und fortbilden.

Unser dritter Beschlusspunkt liegt mir besonders am Herzen: Der Cito-Sprachtest muss evaluiert und weiterentwickelt werden. Meiner Meinung nach findet er zu spät statt und auch die Sprachrückstände können in so einer kurzen Zeit häufig nicht mehr beseitigt werden. Wir wollen prüfen, ob die Sprachstandsfeststellung nicht nur früher stattfinden kann, sondern auch den aktiven Wortschatz einbeziehen kann.

(Beifall DIE LINKE, SPD, Bündnis 90/Die Grünen)

Viertens wollen wir die Kooperation zwischen den Bildungsphasen verbessern und so dafür sorgen, dass Förderung nicht bei einem Übergang zwischen Kita und Schule oder den verschiedenen Schulstufen unterbrochen wird. In diesem Bereich gab es in den letzten Jahren schon vielversprechende Modellversuche an fünf Standorten in Bremen. Diese wurden aber eingestellt, nicht verstetigt und nicht ausgeweitet. Genau da wollen wir ansetzen und das verändern.

Schließlich möchten wir die mehrsprachigen Kompetenzen, die es bereits bei vielen Fachkräften, aber auch Kindern gibt, systematisch einbinden. Diversität und Vielfalt werden so zu einer Stärke im bremischen Bildungssystem. Kollegin Ahrens, da geht es mitnichten darum, andere Sprachförderungen sozusagen wegzutesten, sondern es geht um die Erkenntnisse, die es in der Bildungswissenschaft schon lange gibt, nämlich dass das sichere Beherrschen der Muttersprache gerade erst befördert, dass man auch weitere Sprachen erlernt. Genau da wollen wir ansetzen und deswegen ist es so wichtig, auch die muttersprachlichen Kenntnisse des pädagogischen Personals und der Kinder einzubeziehen.

(Beifall DIE LINKE, SPD, Bündnis 90/Die Grünen – Zuruf Abgeordnete Ahrens [CDU])

Es geht also nicht um ein Entweder-oder, sondern es geht um ein Sowohl-als-auch. Das ist ein erweiterter Begriff von Sprachkenntnissen, weiter als Wortschätze, die alle Kinder in ihren jeweiligen Herkunftssprachen und den zu lernenden Sprachen – –. Das ist mit ressourcenorientiert gemeint. Das müssen wir endlich als Ressource erkennen und in die Prozesse der Sprachförderung einbeziehen. Insofern glaube ich, dass wir da tatsächlich auch konzeptuell noch einen Schritt vorwärtsgehen. Ich freue mich über die große Einmütigkeit hier in diesem Prozess.

(Glocke)

und bedanke mich für den guten Verlauf innerhalb der Koalition. – Danke schön!

(Beifall DIE LINKE, SPD, Bündnis 90/Die Grünen)

Als nächster Redner hat das Wort der Abgeordnete Hupe.

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Nachdem sich meine Vorrednerinnen und Vorredner jetzt vor allem auf den vorschulischen Bereich bezogen haben, werde ich noch einmal etwas zum schulischen Bereich sagen.

Zuhören, sprechen, lesen und schreiben sind die Grundzutaten für eine erfolgreiche Schullaufbahn. Die Sprachkompetenzen, mit denen Kinder in die Schule kommen, sind jedoch sehr unterschiedlich. Zu viele Kinder müssen aufgrund von fehlenden Sprachkenntnissen zu Beginn der Schullaufbahn von Anfang an einem Rückstand hinterherlaufen, der nur schwer aufzuholen ist und der sich mittel- und langfristig negativ auf die Lernmotivation und die Lernerfolge auswirkt. Darunter leidet die Lese- und Schreibkompetenz und das wirkt sich nicht nur auf das Fach Deutsch, sondern auch auf alle anderen Fächer aus.

Wer Probleme hat, Textaufgaben zu verstehen, wird in Mathematik keine guten Leistungen zeigen oder dem Unterrichtsstoff in naturwissenschaftlichen Fächern folgen können. Diesen Zusammenhang hat auch jüngst die ICILS-Studie, eine internationale Vergleichsstudie zu computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern, aufgezeigt. Sie verdeutlicht ei

nen starken Zusammenhang von sozioökonomischem Status sowie der Familiensprache der Schülerfamilien und den digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler und nennt mit der Sprachförderung einen Weg, um herkunftsbedingte Disparitäten in diesen Kompetenzständen zu verringern.

Es ist nicht überraschend, dass Sprachfähigkeiten auch in einer digitalisierten Welt und einer immer stärker digitalisierten Schule elementar für den individuellen Erfolg sind. Die Studie reiht sich damit in die Befunde der weiteren Bildungsstudien der letzten Monate ein, wie die der PISA-Studie, die Deutschland einen besonders stark ausgeprägten Zusammenhang zwischen Herkunft und Lesekompetenz diagnostiziert, und die des IQB-Bildungstrends, der die Bedeutung der Familiensprache und die Wichtigkeit der kontinuierlichen Weiterentwicklung von bildungssprachlichen Kompetenzen aufzeigt.

(Vizepräsidentin Grotheer übernimmt den Vorsitz.)

Auch der Bericht zur Evaluation zur Bremer Schulreform aus dem letzten Jahr stellt die Bedeutung und Notwendigkeit des Ausbaus der Sprachförderung dar. In all diesen Bildungsstudien wird deutlich, wie gravierend die Notwendigkeit ist, hier endlich elementar zu starten und die Weichen anders zu stellen.

(Beifall Bündnis 90/Die Grünen)

Es ist gut, dass die Senatorin bereits mit einigen Maßnahmen reagiert hat, aber um echte Chancengerechtigkeit zu ermöglichen, müssen wir nun richtig an der Basis anfangen und da ist Sprache ein, wenn nicht sogar der entscheidende Baustein.

(Beifall Bündnis 90/Die Grünen)

Wir wollen dem nachkommen, indem wir die individuelle Sprachförderung in Kitas und Schulen neu aufstellen, die durchgängige Sprachförderung ausweiten und so sprachliche und schulische Chancengerechtigkeit möglich machen. Wir wollen die Übergänge zwischen Kindertagesstätte, Grundschule und weiterführender Schule verbessern, indem wir vorschulische und schulische Sprachbildung und -förderung in eine Gesamtbetrachtung nehmen und bestehende Lücken konsequent schließen.

Die Sprachbildung und Sprachförderung soll so neu aufgestellt werden, dass alle Kinder mit entsprechenden Bedarfen gezielt gefördert und soziale Ungleichheiten auf diese Weise verringert werden. Die enge Verzahnung von Kitas und Schulen ist eine grundlegende Voraussetzung für den Erfolg von Sprachförderung. Deshalb müssen Verbünde von Kitas, Grundschulen und Schulen der Sekundarstufe I eingeführt beziehungsweise weiterentwickelt werden, um ein durchgängiges Konzept für Sprachförderung zu ermöglichen.

Es müssen natürlich auch zusätzliche personelle und finanzielle Ressourcen für die Kitas und Schulen bedacht und bereitgestellt werden. Auch die Eltern sollen selbstverständlich mitgenommen und eingebunden werden, die Sprachbildung und Sprachförderung auf ein breites Fundament zu stellen. Des Weiteren müssen wir unbedingt sicherstellen, dass das pädagogische Fachpersonal entsprechend aus- und fortgebildet wird. Wir brauchen zudem ausreichend Weiterbildungslehrgänge für Lehrkräfte, die Deutsch als Zweitsprache und Deutsch als Fremdsprache unterrichten.

Zum Schluss kann ich nur noch einmal betonen: Sprachförderung ist das zentrale Element, um soziale Ungleichheit zu mindern und daher eine Frage der Chancengerechtigkeit.

(Beifall Bündnis 90/Die Grünen, SPD)

Vielen Dank für Ihre, wie ich in der Debatte vernommen habe, breite Unterstützung für diesen Antrag. Ich freue mich schon sehr auf die konstruktive und inhaltliche Debatte in einem halben Jahr. – Vielen Dank!

(Beifall Bündnis 90/Die Grünen, SPD, DIE LINKE)

Als nächste Rednerin erhält die Senatorin Frau Dr. Bogedan das Wort.

Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren! Eine durchgängige Sprachbildung, so haben wir es jetzt schon ganz oft gehört, die von der frühen Förderung in Krippen und Kindergärten über die Grundschule bis zur weiterführenden Schule führt, braucht aufeinander aufbauende, miteinander verzahnte, schlicht: abgestimmte Konzepte.

Hier laufen wir nicht bei null los, auch das haben wir gerade schon gehört. Allerdings ist das aktuell gültige Sprachbildungskonzept von 2013 und wir müssen sagen, die Welt hat sich seitdem deutlich

verändert. Lag der Anteil der Kinder mit nicht Deutsch als Muttersprache im Schuljahr 2011 und 2012 noch bei 31 Prozent, so hat sich das um mehr als 11 Prozentpunkte erhöht. Im Schuljahr 2017/2018 hatten wir einen Anteil von 42,3 Prozent Kindern, die nicht Deutsch als Muttersprache hatten.

Deshalb haben wir bereits in der bildungspolitischen Diskussion in Vorbereitung des Schulkonsenses gemeinsam festgestellt – und ich freue mich, dass auch hier wieder gemeinsam breit diskutiert worden ist –, dass wir erstens früher beginnen müssen, dass wir mehr Verbindlichkeit brauchen und dass wir insgesamt ein breiteres und mehr Angebot für die Kinder schaffen müssen.

Das alles wird nur durch eine adäquate Qualifizierung realisierbar sein – das ist klar –, durch Aus-, Fort- und Weiterbildung in verschiedenen die Sprache betreffenden Bereichen, zum Beispiel – wir haben es eben gehört – Deutsch als Zweitsprache, aber auch in sprachsensiblem Fachunterricht. Das Ressourcenorientierte, sprich: das Aufgreifen der Kompetenzen, die Kinder aus ihrer Muttersprache mitbringen, das sind Kompetenzen, für die wir weitere Fort- und Weiterbildungsangebote benötigen. Es ist unbestritten, dass der Fort- und Weiterbildungsbedarf in diesem Bereich hoch ist.

Ich würde gern auf einzelne Punkte des Antrags eingehen, weil da deutlich wird, wir laufen nicht bei null los und wir haben auch schon eine Vorstellung davon, in welche Richtung es gehen soll. Zu Punkt a): Da arbeiten interne Arbeitsgruppen bereits mit anderen Institutionen zusammen. Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir das zukünftig weiter machen wollen. Insbesondere bei der Erstellung des Bildungsplans für Kinder im Alter von null bis zehn Jahren sind bislang die Erkenntnisse anderer Institutionen, aber auch die fachliche Expertise der Universität Bremen eingeflossen und sollen es auch zukünftig tun.

Zu Punkt b) kann ich sagen, dass das Landesinstitut ein besonderes Qualifizierungs- und Fortbildungskonzept vorlegen wird und dass bereits mit der Umstrukturierung des Landesinstituts für Schule zu einem Landesinstitut die Öffnung zum Elementarbereich vollzogen ist und somit auch der Durchgängigkeit der Sprachbildung ein weiterer Baustein hinzugefügt wird.

Die Arbeitsbereiche Sprachstandsfeststellung und Diagnostik werden zukünftig im IQB verortet, und an die Auswertung der Erfahrung mit dem Cito

Sprachtest schließt sich konsequenterweise die Überprüfung möglicher Alternativen beziehungsweise die Prüfung weiterer Diagnostikverfahren an, so wie es im Antrag gefordert ist.

Die Zusammenarbeit von Kitas und Schulen ist bereits gesetzlich verankert und gilt damit für alle Kindertageseinrichtungen. Deshalb haben wir mit dem Bildungsplan für Kinder im Alter von null bis zehn Jahren das Ziel verfolgt und verfolgen es weiterhin, flächendeckend eine verbindliche Zusammenarbeit zwischen Kitas und Grundschulen sicherzustellen. Konzeptionell zielt der Bildungsplan dabei auf eine gemeinsame Didaktik in unterschiedlichen Bildungsbereichen.

Die Sprachbildung ist einer der ersten Bildungsbereiche, die wir uns vorgenommen haben, und dort erwarten wir bereits in Kürze ein Gesamtkonzept. Die Qualität und die Durchgängigkeit dieses Gesamtkonzeptes werden begleitend erprobt und evaluiert werden. Viele Angebote und Maßnahmen sind bereits auf die Interkulturalität und Mehrsprachigkeit ausgerichtet, da dies die Realität in den meisten Bremer Stadtteilen widerspiegelt und wir einen hohen Bedarf sehen, Kinder dort abzuholen, wo sie und ihre Familien stehen.

Gleichzeitig gilt aber auch, dass es bei der hohen Bedeutung und Wertschätzung gegenüber Herkunftssprache und Mehrsprachigkeit notwendig ist, die Mehrsprachigkeit und Interkulturalität als Querschnittsaufgabe in allen Qualifizierungen zu berücksichtigen. Es reicht nicht – ich sage das jetzt ein bisschen spöttisch –, Schilder aufzuhängen und zu sagen, wir können die Eltern auch in ihrer Muttersprache begrüßen, sondern man muss es durchgängig als eine interkulturelle Kompetenz bei den Fachkräften umsetzen. Da ist noch ein langer Weg zu gehen und das hängt nicht an unseren Fachkräften, sondern ich glaube, das hängt schlichtweg daran – das sei mir als politischer Kommentar in eine andere Richtung gestattet –, dass wir in Deutschland sehr lange gebraucht haben, um anzuerkennen, dass wir ein Zuwanderungsland sind.

(Beifall SDP, Bündnis 90/Die Grünen, DIE LINKE)

Insgesamt wird unter Einbeziehung aller relevanten Akteure eine intensivere Abstimmung gefordert, damit Konzepte nicht nur auf dem Papier schön aussehen, sondern tatsächlich in der Praxis Relevanz entfalten und zum Tragen kommen.

Deshalb sind wir nicht nur hier im Bundesland Bremen breit aufgestellt und versuchen, uns mit allen