Wie hätten Sie es denn gern? Mit bayerischen Kindern werden Sie das nicht machen. – Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was es hier zu lachen gibt,
wenn eine Fraktion meint, sie muss Säuglinge und Familien diskriminieren. Wenn, dann sollte diese Box an Menschen gehen, die wirklich bedürftig sind.
Vielen Dank, Frau Kollegin Schmidt. – Für die SPD-Fraktion hat Frau Kollegin Doris Rauscher das Wort.
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrter Herr Singer, zunächst einmal muss ich Ihre vorherige, absolut falsche Behauptung zum Thema Jusos zurückweisen. Aber es wundert mich nicht, dass Sie mit solchen Maschen hier vorne stehen. Ihr jugendnahes AfD-Magazin "Arcadi" – so in der Art oder wie man es ausspricht – behauptet, dass die Jusos eine Abtreibung bis zum neunten Monat unterstützen würden und einen entsprechenden Beschluss gefasst hätten. Das ist absolut falsch,
und ich möchte das hier auch betonen, weil es gar nicht geht, eine Jugendorganisation, egal welcher Partei, mit solchen Falschbehauptungen zu konfrontieren. Die Forderung der Jusos war, Abtreibung aus dem Strafgesetzbuch zu streichen.
Das ist ein deutlicher Unterschied. Von "bis zum neunten Monat" war definitiv nicht die Rede, und dazu gibt es auch keine Beschlüsse. Das war mir wichtig.
Wir haben Ihren Antrag schon im Ausschuss abgelehnt, und es gibt gute Gründe dafür. Die Kolleginnen und Kollegen haben vorher schon einige angeführt. Abgesehen davon, dass der Begriff der Willkommenskultur aus Ihrem Munde fast eine Farce ist, muss man sagen, dass es bei uns im Lande tatsächlich schon einige sehr nette, von Kommunen organisierte Willkommensgeschenke für Neugeborene gibt. Es gibt Willkommensrucksäckchen, ganz praktische Aufmerksamkeiten und Infomaterial, aber eben auch nicht nur Broschüren. In meinem Landkreis gibt es zum Beispiel eine sehr nette Aktion, die sich "Hallo kleiner Ebersberger" nennt. Die Familien freuen sich und bekommen gleich noch ein bisschen Beratung von Fachkräften mit dazu. Ach ja, die Aktion ist übrigens, anders als von Ihnen gefordert, für alle Eltern, für alle Kinder, egal welcher Hautfarbe, egal, wie lange sie schon in Bayern leben, egal, was die Eltern machen und woher sie kommen. Deswegen lehnen wir ab.
Vielen Dank, Frau Kollegin Rauscher. – Für die FDP-Fraktion hat Frau Kollegin Julika Sandt das Wort.
Sehr geehrter Herr Präsident, Kolleginnen und Kollegen! Es ist schon unbeschreiblich, mit welchen Hochziehern die AfD uns hier zwangsbeglückt. Jetzt will sie auch noch Babys zwangsbeglücken, und dabei grenzt sie auch schon Babys aus. Das ist einfach unbeschreiblich. Das Ganze wird noch mit die
sem Willkommenszynismus garniert – unglaublich! Ich frage mich wirklich, was Sie für eine Denke in Ihrem Kopf haben. Sind bayerische Kinder vielleicht nicht wert, mit einem bayerischen Kuschellöwen oder mit einem Holzspielzeug aus bayerischem Holz zu spielen? Was soll das? Und was soll eigentlich überhaupt diese willkürliche Grenze von sieben Jahren, die man in Deutschland leben muss? Warum fordern Sie nicht gleich eine Überprüfung einer bayerischen Leitkultur, ob die Mutter im Dirndl einen Schweinsbraten zubereiten kann?
Ja, Sie nicken. Genau das ist eigentlich Ihre Denke. Darum geht es nämlich eigentlich. – Ebenso absurd ist, was Sie den Babys hier alles zuschicken wollen. Jedes Kind soll eine kleine Matratze erhalten. Ich weiß nicht: Mehrkindfamilien werden sich wahrscheinlich irgendwann fragen, wohin sie mit den Matratzen sollen. Sie produzieren neben der Ausgrenzung in Ihrem irren Antrag mit so einem Paket vor allem eines: eine ganze Menge Müll und sehr viel für die Tonne, und da gehört auch Ihr Antrag hin.
Vielen Dank, Frau Kollegin Sandt. Weitere Wortmeldungen liegen mir nicht vor. Die Aussprache ist geschlossen. Wir kommen zur Abstimmung. Der federführende Ausschuss für Arbeit und Soziales, Jugend und Familie empfiehlt die Ablehnung des Antrags.
Wer entgegen dem Ausschussvotum dem Antrag der AfD-Fraktion zustimmen möchte, den bitte ich um das Handzeichen. – Das ist die AfD. Gegenstimmen! – Das ist der Rest des Hohen Hauses, auch der fraktionslose Abgeordnete Plenk. Stimmenthaltungen? – Keine. Der Antrag ist abgelehnt.
Dringlichkeitsantrag der Abgeordneten Martin Hagen, Matthias Fischbach, Julika Sandt u. a. und Fraktion (FDP) Bildungschancen aus der Krise I: Vom Wechselunterricht zum Flipped Classroom (Drs. 18/14463)
Dringlichkeitsantrag der Abgeordneten Martin Hagen, Matthias Fischbach, Julika Sandt u. a. und Fraktion (FDP) Bildungschancen aus der Krise II: Unterschiede erkennen und individuell fördern (Drs. 18/14464)
Dringlichkeitsantrag der Abgeordneten Martin Hagen, Matthias Fischbach, Julika Sandt u. a. und Fraktion (FDP) Bildungschancen aus der Krise III: Schüler nicht alleine lassen, sondern ihre Selbstentfaltung begleiten (Drs. 18/14465)
Dringlichkeitsantrag der Abgeordneten Martin Hagen, Matthias Fischbach, Julika Sandt u. a. und Fraktion (FDP) Bildungschancen aus der Krise IV: Bewegung, Kunst und Kultur an Schulen fördern (Drs. 18/14466)
Ich eröffne die gemeinsame Aussprache. Die Gesamtredezeit der Fraktionen beträgt 32 Minuten. Erster Redner ist Herr Kollege Matthias Fischbach für die FDPFraktion.
Meine sehr geehrten Damen und Herren! "Bildungschancen aus der Krise" – genau das ist das Motto dieses Antragspakets, das wir knapp ein Jahr nach dem ersten Schul-Lockdown eingebracht hatten, also in einer Zeit, in der der Kultusminister immer wieder erklärte, man müsse in dieser Krise auf Sicht fahren. Auf Sicht zu fahren, das ist manchmal unvermeidlich. Aber über ein Jahr im Blindflug unterwegs zu sein, das ist Führungsschwäche. Deswegen haben wir in vier Bereichen konstruktive Vorschläge eingebracht, wie wir aus der Krisensituation zu einer langfristigen Strategie für ein besseres Bildungssystem kommen können.
Erster Bereich: Unterrichtsmethoden verbessern. Im Wechselunterricht haben einige innovative Schulen aus der Not eine Tugend gemacht, Stichwort "Flipped Classroom". Indem der Ort der erstmaligen Wissensvermittlung und des Einübens getauscht werden, ermöglicht diese Unterrichtsmethode wesentlich individuelleres Lernen. Zu Hause kann zum Beispiel im Chemieunterricht der chemische Prozess verstanden und der Versuchsaufbau gelernt werden; im Unterricht selbst wird dann in mehr Zeit der Versuch durchgeführt, und es werden auch Fragen geklärt.
Das ist nur ein Beispiel für eine innovative Durchführung von neuen Unterrichtsmethoden. So eine Aufteilung des Unterrichts wurde vor der Krise von der Schulaufsicht eigentlich meistens nur kritisch beäugt. Nach der Krise sollten solche innovativen Konzepte gefördert und auch langfristig an vielen Stellen mit neuen Ideen ermöglicht werden. Lassen Sie uns deswegen den Schulen mehr Eigenverantwortung geben! Lassen Sie uns die Schulen gerade bei der Unterrichtsgestaltung bei neuen Wegen unterstützen! – Das war der erste Bereich.
Beim zweiten Bereich geht es um das Füllen der Lernlücken. In der Krise wurden die Unterschiede zwischen den Schulen, aber auch zwischen den einzelnen Schülern immer größer. Darauf muss aus unserer Sicht im neuen Schuljahr mit einer klaren und vergleichbaren Leistungsstanderhebung reagiert werden. Nur so können wir die Unterschiede erkennen und können individuell fördern, und das schulübergreifend, indem wir auch die nötigen Ressourcen dazu koordinieren.
Noch immer stehen ja über tausend Gymnasiallehrer auf der Warteliste. Wenn wir diese jetzt zielgerichtet einsetzen würden, könnten wir wesentlich besser auf die Krise reagieren, aber eben auch langfristig vorsorgen; denn mit dem neuen G9 werden wir diese tausend zusätzlichen Gymnasiallehrer 2025 sowieso brauchen. Also lassen Sie uns jetzt anfangen, vorzusorgen und auf die Krise zu reagieren! Lassen Sie uns damit eine langfristige Verbesserung schaffen!
Dritter Bereich: die Selbstentfaltung begleiten. Die Krise war für über 70 % der Schülerinnen und Schüler eine seelische Belastung. Neben den kurzfristigen Hilfsangeboten und den angekündigten Ferienprogrammen braucht es auch langfristige Maßnahmen, um darauf zu reagieren und die Selbstentfaltung junger Menschen zu stärken. Mentoring-Programme müssen deswegen aus unserer Sicht flächendeckend gefördert werden. Die soziale und emotionale Entwicklung muss eine zentrale Rolle in der Schule spielen. Ganztagsbetreuung sollte endlich ein Rechtsanspruch werden und mehr als nur ein Betreuungsangebot. Deswegen fordern wir eine unbürokratischere Finanzierung über Bildungsgutscheine, bei denen am Ende die Qualität der Ergebnisse zählt und nicht nur das, was am Anfang irgendwo einmal als Stelle vorgesehen war. Wir müssen über reine Stellenplanung und zentrale Planwirtschaft hinauskommen. Wir müssen endlich Entwicklungen vor Ort ermöglichen, die individuell fördern und individuelle Lösungen zulassen.
Ein vierter Bereich ist uns in diesem Antragspaket noch wichtig, nämlich Bewegung, Kunst und Kultur. Bewegung und kulturelle Betätigung sind im Distanzunterricht nicht selten zu kurz gekommen. Deswegen gilt es auch hier, aufzuholen, neue Angebote zu entwickeln, auch mal Draußenschulkonzepte zu fördern, gerade auch
in der Fortbildung von Lehrkräften, oder digitale Apps dort einzusetzen, wo sie der Bewegung nicht schaden, sondern sie auch fördern. Sie können nämlich dabei auch wirklich helfen. Langfristig gilt es für uns dann hier, weiterzudenken und Fitness zu einer zentralen Größe in der Schulentwicklung zu machen, und das über den Sportunterricht hinaus; denn Bildung muss in Bewegung kommen.
Lassen Sie uns die Bildungschancen aus dieser Krise ergreifen! Unterstützen Sie bitte unsere Anträge!
Vielen Dank, Herr Kollege Fischbach. – Für die CSU-Fraktion hat Herr Kollege Peter Tomaschko das Wort.
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, Hohes Haus! Der Distanz- und Wechselunterricht hat sicherlich nicht überall perfekt funktioniert. Aber die Anträge der FDP hätten diese Problematik nicht gelöst, auch wenn sie noch so mit Fremdwörtern gespickt waren. Lieber Kollege Fischbach, ich glaube, es hätte keine einzige Schule in Bayern gegeben, die damit etwas hätte anfangen können. Wir haben uns ja im Bildungsausschuss sehr intensiv damit auseinandergesetzt. Mir ist es immer wichtig, dass man solche Dinge auch konstruktiv diskutiert und schaut, welche Möglichkeiten es gibt; denn Distanz- und Wechselunterricht waren eben immer etwas komplett Neues für die Schulen.
Für uns war das Wichtigste, dass wir den bestmöglichen Bildungserfolg der Schülerinnen und Schüler sichern, und dieses oberste Ziel, egal, ob im Wechsel- oder im Distanzunterricht, wo er denn notwendig war, so zu verankern. Die Schulen haben sich seit Juni des letzten Jahres darauf vorbereitet.
Das Staatsministerium hat über das ISB ganz unterschiedliche Intensivmaterialien und Best-Practice-Beispiele und Empfehlungen bereitgestellt. Diese waren unter www.distanzunterricht.bayern.de für jeden Lehrer abrufbar. Auch Eltern und Schüler konnten sich das Material ansehen. Wir haben den Lehrerinnen und Lehrern in Dillingen ein breites Fortbildungsangebot zur Verfügung gestellt. Das heißt, es gab viele Möglichkeiten.
Herr Fischbach, Flipped Classroom – das Wort ist natürlich wunderbar – war eine Möglichkeit und kam zur Anwendung. Letztendlich ist es aber immer die Entscheidung des Pädagogen vor Ort, was an der Schule passt. Wir haben ein differenziertes Schulsystem in Bayern, und jede Schule ist anders aufgestellt. Man muss immer auch schauen, was passt und was eben nicht passt.
Der Fokus liegt natürlich auf der Lehrerfortbildung, die ich angesprochen habe. Es gibt in ihr auch das Themenfeld digitaler Unterricht. Dieses wurde noch unterstützt durch die Stabsstelle "Medien.Pädagogik.Didaktik." und 171 Berater für digitale Bildung in Bayern und 200 Experten im regionalen Experten- und Referentennetzwerk. Das heißt, es gab wahnsinnig viele Angebote.
Sie sagen: Es gab kein Feedback. Ich würde behaupten: Wenn es vor Ort gut gemacht war, gab es sogar enorm viel Feedback. Ich vertraue hier den Pädagogen, die einfach sagen: Ich habe meine Kinder immer noch an der Hand.
Ich nehme jetzt meinen Sohn als Beispiel, der eine fünfte Klasse besucht. Es gab an der Schule die feste Anordnung: Jeder Lehrer hat jede Stunde mit einem Video zu beginnen oder die ganze Stunde mit einem Video zu unterrichten. Von den Lehrern kamen die Rückmeldungen, dass sie immer wussten, wie der Leistungsstand ihrer Schülerinnen und Schüler ist. Es gab auch mündliche Noten. Es gab durch
persönliche Zustellung per E-Mail ein Feedback. Wir haben Anleitungen gegeben, wie man gewisse Dinge verbessern kann. All das war möglich. An dieser Schule gibt es überhaupt keine Lernrückstände. Der gesamte Stoff konnte vermittelt werden. Das hat sehr gut funktioniert. Ich glaube, wir müssen schon auf die Expertise unserer Lehrkräfte vertrauen.
Sie sprechen von bayernweiten "oder deutschlandweiten" Auswertungen durch die Schulbuchverlage. Diese waren ja heute auch ein Tagesordnungspunkt; sie gibt es so aber nicht. Es ist einfach wichtig, dass der Lehrer vor Ort schaut, wie seine Klasse ist, und seinen Schülern ein entsprechendes Feedback gibt.