(Beifall SPD, CDU, B90/GRÜNE und DIE LINKE - Hünich [AfD]: Sie können mir ja eine Mail schreiben, wann ich kommen soll; ich komme dann! - Frau Bessin [AfD]: Ich komme mit! - Zuruf von der AfD: Ich komme auch, ich will Trecker fahren! - Lachen bei der AfD)
Wir kommen jetzt zum Redebeitrag der Fraktion DIE LINKE. Für sie spricht Frau Abgeordnete Dannenberg.
Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuhörer! Herr Hünich, Sie haben hier eine Behauptung aufgestellt und meinen Namen im Zusammenhang mit Zwangsarbeit erwähnt. Ich verbitte mir so etwas - so etwas kommt höchstens Ihnen über die Lippen -, dafür ist das Thema viel zu ernst!
Das passt zu Ihnen: Behauptungen aufstellen und jemanden diskreditieren, in der Hoffnung, etwas werde schon hängen bleiben. - Noch mal: Ich verbitte mir das!
Die AfD hat erkannt, dass die Landwirtschaft in den Erntemonaten unter einem Defizit an Erntehelferinnen und Erntehelfern leidet. Ja, wir sind in Brandenburg auf ca. 20 000 Saisonarbeiterinnen und -arbeiter pro Jahr angewiesen - die aus anderen Ländern kommen und ihre Familien verlassen, um hier Geld zu verdienen, auf Brandenburger Feldern schuften, damit wir unser Gemüse auf den Tisch bekommen.
Dass Erntearbeiten körperlich hoch anspruchsvoll sind, weiß jeder, der schon einmal auf dem Feld gearbeitet hat. Das zeigen im Übrigen auch die Erfahrungen aus der Coronakrise. Erinnern Sie sich: Infolge der Einreisebeschränkungen für ausländische Saisonarbeiterinnen und -arbeiter gab es im ersten Jahr der Coronapandemie Aufrufe an brandenburgische Freiwillige, bei der Ernte zu helfen.
Dafür haben sich tatsächlich recht viele Menschen gemeldet. Allerdings wurde das Ergebnis dieses Experiments von den Landwirtschaftsbetrieben als eher nicht hilfreich bewertet. Beim Einsatz von Erwachsenen scheiterte der Versuch nach Einschätzung der Branche an geringem Durchhaltevermögen, der kurzzeitigen Motivation, fehlenden Fertigkeiten und einem hohen Betreuungsaufwand.
Aber ach, sagt sich die AfD, da ist ja noch - Zitat - „ein großes Reservoir an Arbeitskräften, das bisher unangetastet blieb. Es handelt sich dabei um Schüler [...].“ - Na dann, ab aufs Feld! Mal richtig arbeiten! Denn: Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. - Genau so stand es 1 000 v. Chr. auf babylonischen Tafeln, und die AfD haut in die gleiche Kerbe!
Heute zielen Sie laut Antrag indirekt auf Jugendliche von „Fridays for Future“ und der „Letzten Generation“ ab, die in Ihren Augen sicherlich nicht wissen, was „richtige Arbeit“ ist.
Dann können Sie jedoch die Lösung dieses Problems nicht an Jugendliche delegieren. Ich bezweifle stark, dass Sie mit Ihrem Vorschlag junge Menschen dafür begeistern, ihre Zukunft in der Landwirtschaft zu sehen.
Begeistern geht anders, und zwar mit der großen Vielfalt der Berufe in der Landwirtschaft. Wir können begeistern, indem wir den Kontakt von Kindern zu Natur und Landwirtschaft schon in der frühkindlichen Bildung fördern und ausbauen, indem wir mehr Projekttage in Zusammenarbeit mit landwirtschaftlichen Betrieben umsetzen, indem wir die bereits vorhandenen guten Angebote wie die Projekte „LANDaktiv“ und „AGRARaktiv“ an Grundschulen ausbauen und vor allem indem wir Schülerinnen und Schüler für ein Betriebspraktikum in der Landwirtschaft motivieren - das ist aber etwas anderes als ein Ernteeinsatz. Vor allem sind die Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft so zu gestalten, dass die Arbeit dort für junge Menschen attraktiv ist.
Sie bedauern zudem, dass es bislang keinen Rechtsrahmen gebe, der dies ermögliche. Nun, dem ist nicht so. Der Rechtsrahmen für ein zweiwöchiges Praktikum und die Möglichkeit der freiwilligen Ferienarbeit für über 15-Jährige besteht bereits; dazu gelten die entsprechenden Kinder- und Jugendschutzgesetze sowie der Jugendarbeitsschutz für Ferienjobs.
von der Abschlussprüfung bis zum Ende der regulären Schulzeit. - In diesem Zeitraum finden die schriftlichen Nachprüfungen für Schülerinnen und Schüler statt, an Oberschulen die mündlichen Englischprüfungen und die freiwilligen mündlichen Zusatzprüfungen. An vielen Oberschulen führen die 10. Klassen nach der schriftlichen Nachprüfung ihre Abschlussfahrt durch und bereiten sich auf eine feierliche Zeugnisübergabe vor. An den Gymnasien werden bis zum letzten Schultag Lerninhalte vermittelt, da für diese Jugendlichen die Vorbereitung auf die Sek. II bereits läuft.
Natürlich können Lehrkräfte mit ihren Klassen in dieser Zeit durchaus Arbeitseinsätze organisieren - aber nicht für zwei Wochen -, um die Klassenkasse zu füllen.
Das können sie; das habe auch ich mit meinen Schülern gemacht. Diese Möglichkeit besteht also. Es ist aber nicht möglich, diesen Zeitrahmen für das, was Sie vorschlagen, zu nutzen.
Eine letzte Bemerkung zur Möglichkeit der Ferienarbeit: Diese wäre denkbar, wenn Schulen von landwirtschaftlichen Betrieben Angebote mit entsprechenden Lohnangeboten erhielten. Oft suchen Schüler eine solche Möglichkeit, finden aber leider keinen Betrieb unter Berücksichtigung des Jugendarbeitsschutzgesetzes. Es scheitert auch oft an der Möglichkeit, mit öffentlichen Verkehrsmitteln pünktlich zur jeweiligen Arbeitsstelle zu kommen, da Schüler in diesem Alter noch keinen Führerschein haben. Hier
Wenn Sie im Osten unterwegs sind und von Schülern in der Erntehilfe reden, denkt, glaube ich, niemand daran, dass sie dort acht Wochen lang von früh um sechs bis abends um zehn arbeiten sollen. Ich glaube, 70 % derjenigen, mit denen Sie darüber sprechen, wissen genau, worum es geht, nämlich um ein Praktikum. Es geht erstens darum, den Kindern zu zeigen, wie es auf dem Land aussieht. Und es geht, Numero zwei, vor allen Dingen darum, ihnen in irgendeiner Art und Weise Wertschätzung beizubringen.
Wenn wir wirklich nur über den Begriff „Erntehilfe“ streiten, dann können wir ihn durch „Praktikum“ ersetzen; das wäre das kleinste Problem.
Ich will aber noch auf eines eingehen, Frau Dannenberg: Sie haben davon geredet, dass wir die Jugendlichen sowieso nur dämonisieren und falsch darstellen würden. Ganz im Gegenteil! Ich halte das, was „Fridays for Future“ macht, für super. Jeder Jugendliche, jedes Kind, das sich in irgendeiner Art und Weise politisch interessiert, ist absolut perfekt.
Aber wenn sie auf die Straße gehen, von den Grünen getrieben, sollen sie wenigstens auch einmal sehen, wie die Wirklichkeit, wie die Realität aussieht. Also: Nehmt doch diese Jugendlichen und macht mit ihnen mal einen halben oder einen ganzen Tag Praktikum in einem Landwirtschaftsbetrieb! Das ist doch etwas anderes, als wenn sie nur auf der Straße sind und sich da für die Umwelt aussprechen - kaum sind sie weg, liegen da irgendwelche Plastikbecher herum; mehr Müll geht gar nicht.
Diese Kinder haben Interesse an Politik und an unserem Land. Also zeigt ihnen doch bitte die Realität! Das kann man nämlich draußen machen. - So war das gemeint.
Wir sind also überhaupt nicht gegen unsere Jugendlichen. Ganz im Gegenteil: Ich glaube, dass unsere Jugend ganz gut tickt. - Danke.
Frau Abgeordnete Dannenberg möchte darauf nicht reagieren. - Dann kommen wir zur nächsten Rednerin. Für die Fraktion BVB / FREIE WÄHLER spricht Frau Abgeordnete Nicklisch.
Sehr geehrte Vizepräsidentin! Sehr geehrte Abgeordnete! Liebe Gäste auf der Tribüne! Unseren Kindern und Jugendlichen den sich wiederholenden Wechsel von Aussaat, Wachstum und Ernte näherzubringen, ist löblich und unbestritten auch lehrreich. Dabei müssen wir unseren Schülern sicher nicht mehr vermitteln, dass Gemüse nicht im Supermarkt wächst und Wurst und Käse nicht in Fabriken gezüchtet werden.
Was es aber zu vermitteln gilt, ist, dass in unserem täglichen Brot trotz modernster Technik viel Arbeit und Fleiß stecken, dass die Landwirtschaft trotz allem Fortschritt wetter- und klimaabhängig ist, dass der heutige Landwirt eine Vielzahl komplexer Maschinen und Geräte bedienen können muss und dass betriebswirtschaftliches Wissen die Arbeit in der Landwirtschaft bestimmt.
Damit sind wir auch schon bei den Problemen, die sich aus dem - durchaus nachvollziehbaren - vorliegenden Antrag ergeben. Das aufgeführte Beispiel der Kartoffel- oder Rübennachlese mag vor 30 oder 40 Jahren noch durchaus dem technologischen Stand entsprochen haben. Zeitgemäße landwirtschaftliche Technik, zum Beispiel die Arbeit mit GPS-gesteuerten modernen Erntemaschinen, macht ein Nachstoppeln von Feldern aber entbehrlich. Betriebswirtschaftlich steht der Personalaufwand des Nachstoppelns in keinem Verhältnis zu dem zu erwartenden Nutzen der zusätzlich geborgenen Feldfrüchte.
Auch bei der Obsternte oder dem Spargelstechen sprechen betriebswirtschaftliche Betrachtungen gegen den Einsatz von ungelernten und ungeübten Arbeitskräften: Es ist nicht davon auszugehen, dass Schülerinnen und Schüler mit der gleichen Produktivität arbeiten können wie erfahrene Erntehelfer.
Bei der vorgeschlagenen Zahlung des üblichen Mindestlohns steigen damit aber die Stückkosten über den zu erzielenden Verkaufspreis.