Protocol of the Session on December 8, 2011

(Ulf Thiele [CDU]: Ach, herrje! Fort- setzung folgt! - Jan-Christoph Oetjen [FDP]: Ich kann also reagieren!)

Eigentlich hatte ich mich als Letzter eingeworfen.

Herr PrĂ€sident! Meine Damen und Herren! Nachdem wir von Herrn Große Macke viel Ideologie, aber relativ wenig Aussagen konkret zum Haushalt gehört haben, möchte ich jetzt noch einmal auf den Agrarhaushalt im Detail eingehen. FĂŒr uns ist das ein Haushalt der verpassten Chancen fĂŒr die Mehrheit der BĂ€uerinnen und Bauern, fĂŒr die Verbraucherinnen und Verbraucher und nicht zuletzt fĂŒr die Umwelt.

Ihre Linie ist: Sie machen Politik fĂŒr wenige Großkonzerne, aber nicht fĂŒr die Masse der Bauern, von denen immer mehr aufgeben mĂŒssen. Allein 6 % der Milchbauern in Niedersachsen mussten im ersten Halbjahr 2011 ihre Höfe schließen. Sie wissen, dass insgesamt die Zahl der Betriebe in der Landwirtschaft deutlich zurĂŒckgeht, und zwar jedes Jahr in Folge. Gleichzeitig stieg aber z. B. die Zahl der KĂŒhe um 1 %. Ihre Ideologie des ImmergrĂ¶ĂŸer-Werdens, des Wachstums ohne Grenzen, setzt sich da also fort.

Das GrĂŒnland, das gerade aus Umweltsicht sehr wichtig ist, nimmt deutlich ab. Sie setzen mit Ihrer Strategie verstĂ€rkt auf Importfutter aus SĂŒdamerika - mit fatalen Folgen fĂŒr die Umwelt. Eine eigene Eiweißstrategie, wie sie die SPD ja auch mal gefordert hat, lehnen Sie ab. Riesige Tierfabriken werden gebaut, von denen sich auch immer weniger Landwirte ernĂ€hren können; denn das Höfesterben geht weiter.

Bei den wenigen Möglichkeiten, die wir als Land ĂŒberhaupt haben, um die EU-Subventionen in eine richtige Richtung zu lenken, verpulvern Sie das Geld und stecken es in eine einzelbetriebliche Förderung und damit auch in den GrĂ¶ĂŸenwahn und die Massentierhaltung.

Und wenn Sie diesen Förderschwerpunkt dann auch noch mit „Verbesserung der WettbewerbsfĂ€higkeit der Land- und Forstwirtschaft“ ĂŒberschreiben, ist das doch der blanke Hohn. Sie bewirken damit das genaue Gegenteil. Sie verschlechtern die WettbewerbsfĂ€higkeit der meisten bĂ€uerlichen

Betriebe, weil Sie einzelne Massentierhalter mit Fördermillionen pÀppeln, die dann die Pachtpreise so hoch treiben, dass ein normaler Familienbetrieb sie nicht mehr bezahlen kann.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Meine Damen und Herren, wir mĂŒssen uns doch einmal klarmachen, wodurch wir die Millionenzahlungen an die Landwirtschaft aus EU-, Bundes- und Landesmitteln eigentlich legitimieren. Die Menschen im Land wollen doch eine Landwirtschaft, die schonend mit den Böden umgeht, die das Klima nicht belastet, die die Vielfalt von Natur und Kulturlandschaft sichert und die den Tierschutz einhĂ€lt. Das sollten wir honorieren. DafĂŒr sollten die Landwirte Geld kriegen. Die Mehrheit der Landwirte wird ein Gewinner der grĂŒnen Agrarwende sein. Wir dĂŒrfen aber nicht immer weiter das Wachstum fördern und damit dafĂŒr sorgen, dass es immer grĂ¶ĂŸere Betriebe gibt - zulasten der Tiere, der Umwelt und auch der Bevölkerung.

Meine Damen und Herren, zur Flurbereinigung hat Frau Geuter schon etwas gesagt. Der Landesrechnungshof hat bereits 2005 festgestellt, dass die meisten Verfahren völlig unwirtschaftlich sind. Zum gleichen Ergebnis kommt auch ein Gutachten der Landesregierung von der FAL in Braunschweig. Darin heißt es, dass die Flurbereinigung auf die Kernaufgaben beschrĂ€nkt werden soll. Doch was machen Sie? - Zwischen 2010 und 2014 sollen 24 neue Flurbereinigungsverfahren eingeleitet werden. 300 laufen bereits. Bei den meisten geht es nur um FlĂ€chenzusammenlegung. Das sind die gleichen Verfahren, die der Landesrechnungshof fĂŒr total unwirtschaftlich hĂ€lt, die die FAL fĂŒr unwirtschaftlich hĂ€lt und fĂŒr die der Landtag beschlossen hat, dass es sie eigentlich nicht mehr geben soll. Da wird das Geld verpulvert, das an anderer Stelle dringend gebraucht wird.

Aber als Leiter des Referats fĂŒr Landentwicklung und lĂ€ndliche Bodenordnung haben Sie nun ja einen ehemaligen PolizeiprĂ€sidenten eingesetzt, nĂ€mlich Herrn Grahl. Der muss natĂŒrlich auch etwas zu tun haben, um seine Belohnung fĂŒr das Dichthalten in der Sansibar-AffĂ€re zu bekommen.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Meine Damen und Herren, Niedersachsen ist Schlusslicht bei dem Agrar-Umweltprogramm, was die Förderung pro Hektar angeht. Deshalb beantragen wir, dort eine Umschichtung vorzunehmen. Da werden die Mittel dringend gebraucht, und nicht fĂŒr einzelbetriebliche Förderung, Flurbereinigung,

Wegebau etc. Das kommt auch vielen BĂ€uerinnen und Bauern zugute, die eben nachhaltig mit der Umwelt umgehen.

Niedersachsen ist Schlusslicht beim Ökolandbau. Sie zahlen nur 137 Euro pro Hektar, Bayern hingegen 200 und Sachsen 204.

(Jan-Christoph Oetjen [FDP]: 300 000 Euro mehr!)

Da ist es auch kein Wunder, dass die Produktion ökologischer Nahrungsmittel in Niedersachsen stagniert und die FlĂ€che sogar zurĂŒckgeht, obwohl gleichzeitig - wir konnten es heute auch der HAZ entnehmen; das hat Herr Große Macke ja nicht gesagt - die Zahl der Verbraucher, die ökologische Lebensmittel nachfragen, immer grĂ¶ĂŸer wird.

(Jan-Christoph Oetjen [FDP]: 300 000 Euro mehr, Herr Kollege! Glauben Sie uns doch mal!)

Das ist die moderne Landwirtschaft. Diese ignorieren Sie. Sie setzen auf die alte Landwirtschaft, auf Massentierhaltung und Agrarindustrie.

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich noch kurz auf die Landwirtschaftskammer eingehen. Das hat Frau Geuter auch angesprochen. Ich habe mich mit meinem Kollegen Hans-JĂŒrgen Klein in den letzen Monaten darum gekĂŒmmert, wofĂŒr dieser große Batzen Geld, 68,3 Millionen Euro, eigentlich verwendet wird. Das ist ja oft eine Blackbox. Was passiert eigentlich damit? Was wird da aus dem Landeshaushalt finanziert?- Wir haben z. B. gefunden, dass die Landwirtschaftskammer 2 Millionen Euro dafĂŒr bekommt, dass sie Stellungnahmen als TrĂ€gerin öffentlicher Belange abgibt. Weder die IHK noch die Handwerkskammer bekommt Geld dafĂŒr, dass sie Stellungnahmen abgibt. NatĂŒrlich bekommen auch die UmweltverbĂ€nde und die vielen BĂŒrgerinitiativen, die sich z. B. gegen Stallbauten engagieren und oft Fehler in Gutachten der Landwirtschaftskammer entlarven, keinen einzigen Cent. Sie fördern die Stellungnahmen der Stallbaulobby.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Es ist schon in gewisser Hinsicht schizophren: Sie geben Geld fĂŒr Stellungnahmen der Landwirtschaftskammer zu Stallbauvorhaben aus. Die Landwirtschaftskammer hat vorher den Massentierhalter beraten; auch das ist ihre Aufgabe. Sie hat möglicherweise Gutachten fĂŒr den Landkreis als Genehmigungsbehörde geliefert. Dann setzt

sich die Kammer wieder einen anderen Hut auf und gibt Stellungnahmen ab.

Das ist nur einer von mehreren HĂŒten, den die Landwirtschaftskammer hat. Sie ist gleichzeitig Bewilligungsbehörde, Kontrollbehörde, Beratungseinrichtung, Untersuchungsstelle, Forschungseinrichtung, Gutachterin, TrĂ€gerin öffentlicher Belange und, und, und. Sie wollen ihr noch viel mehr HĂŒte geben: Waldbehörde etc. Gleichzeitig ist sie nach ihrem SelbstverstĂ€ndnis eine Interessenvertretung der Landwirtschaft. Lobbyist und Behörde gleichzeitig - das ist so, als wenn man dem ADAC die Straßenverkehrsverwaltung ĂŒbergeben wĂŒrde oder er auch die VerkehrssĂŒnderdatei in Flensburg fĂŒhren sollte.

(Christian DĂŒrr [FDP]: Was reden Sie da eigentlich, Herr Meyer?)

So organisieren Sie in Niedersachsen Agrarpolitik. Das lĂ€sst tief blicken. FĂŒr Sie ist Agrarpolitik Lobbypolitik fĂŒr eine kleine Minderheit - nicht fĂŒr die Mehrzahl der Verbraucherinnen und Verbraucher und auch nicht fĂŒr die Mehrzahl der BĂ€uerinnen und Bauern. Sonst wĂŒrden sie von Ihrer Politik mehr profitieren, und es wĂŒrden andere Ergebnisse bei den Kommunalwahlen erzielt.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Meine Damen und Herren, ein Kurswechsel ist nicht erkennbar. Minister Lindemann tritt eins zu eins in die Fußstapfen von Frau GrotelĂŒschen - das ist angesprochen worden -, was den Haushalt angeht.

(Christian DĂŒrr [FDP]: Man kann kaum ertragen, was Sie erzĂ€hlen, Herr Meyer!)

Sie tĂ€tscheln die Massentierhaltungsindustrie. FĂŒr die Verbraucher gibt es mit dem Tierschutzplan ein bisschen weiße Salbe. Aber es gibt keine realen Fortschritte in den StĂ€llen; vielmehr gibt es weiterhin die Qualhaltung.

Meine Damen und Herren, wenn Sie so weitermachen, bringen Sie nicht nur die Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher gegen sich auf, sondern auch die Mehrheit der BÀuerinnen und Bauern und die Mehrheit der Bevölkerung, auch im lÀndlichen Raum.

GrĂŒne wachsen im lĂ€ndlichen Raum. Das haben die Kommunalwahlen gezeigt. Wir werden zur Partei des lĂ€ndlichen Raums, wenn Sie nicht aufpassen. Sie kennen den Ort Polle. DarĂŒber haben wir viel diskutiert. Herr Ehlen und Herr Sander

wollten dort eine Ziegenfabrik mit 1,2 Millionen Euro fördern. Seit der letzten Kommunalwahl sind wir dort mit 40,6 % stÀrkste Kraft. Danach kommt die SPD mit 38 %. Das CDU-Ergebnis lese ich lieber nicht vor.

(Beifall bei den GRÜNEN - Kreszentia Flauger [LINKE]: Doch! Sag doch mal!)

Wenn Sie mit Ihrer Stallbaupolitik so weitermachen, dann werden Sie bei der Landtagswahl sehr viele Polles in Niedersachsen erleben, wo GrĂŒne dann die BĂŒrgermeisterinnen stellen und stĂ€rkste Kraft sind.

(Beifall bei den GRÜNEN - Ulf Thiele [CDU]: Können Sie einmal das Er- gebnis von Wietze vorlesen, Herr Meyer?)

Herr Dammann-Tamke hat sich zu einer Kurzintervention zu dem Beitrag von Herrn Meyer zu Wort gemeldet. Bitte schön, Sie haben fĂŒr 90 Sekunden das Wort!

Sehr geehrter Herr Kollege Meyer, Sie haben Ihre AusfĂŒhrungen hier mit dem Beispiel des Milchmarktes begonnen. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als der BDM hier in Niedersachsen sehr viel Zulauf hatte. Damals haben Sie keine Veranstaltung des BDM ausgelassen und sich sehr populistisch eingelassen. Ich habe damals in diesem Hause gesagt: Liebe Berufskollegen, passt auf! Nepper, Schlepper, BauernfĂ€nger! - Von diesen Leuten vom BDM hören Sie heute nichts mehr, weil der Milchmarkt im Moment exzellent lĂ€uft.

Zweitens. Sie benutzen hier immer den Begriff „Massentierhalter“, ohne uns jemals in irgendeiner Form eine ErklĂ€rung schuldig geblieben zu sein, wo fĂŒr Sie Massentierhaltung ĂŒberhaupt einsetzt.

(Helge Limburg [GRÜNE]: Da haben Sie recht! Wir haben die ErklĂ€rung abgegeben!)

Wo beginnt fĂŒr Sie Massentierhaltung? Wo beginnt fĂŒr Sie die Lobby der MassentierhaltungsstĂ€lle?

Ich will nichts weiter ausfĂŒhren, was Ihr Vokabular betrifft. Mein Vorwurf in diesem Zusammenhang lautet, dass die Art und Weise, in der Sie sich politisch einlassen, in der Sie hier Fronten aufbauen, der NĂ€hrboden dafĂŒr ist, dass Leute sich im Recht

sehen, wenn sie selbst das Recht in die Hand nehmen und als Brandstifter durch die Lande ziehen und StÀlle anstecken.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP - Widerspruch bei den GRÜNEN und bei der LINKEN - Miriam Staudte [GRÜNE]: UnverschĂ€mtheit! - Marian- ne König [LINKE]: So geht das nicht!)

Sie haben die Gelegenheit zu antworten. Bitte schön, Sie haben 90 Sekunden Redezeit!

(Pia-Beate Zimmermann [LINKE]: Er hat „Brandstifter“ gesagt!)

- Frau Kollegin Zimmermann, Sie mĂŒssen einmal nachvollziehen, in welchem Zusammenhang er das gesagt hat. Dann können Sie vielleicht auch verstehen, dass er dafĂŒr keinen Ordnungsruf bekommt.

Bitte schön!

Herr PrĂ€sident! Meine Damen und Herren! Von Brandstiftung kann man sich natĂŒrlich nur distanzieren. Genauso muss man sich auch von Landwirten und Industriellen distanzieren, die gewaltsam gegen TierschĂŒtzer vorgehen und Straftaten begehen.

(Ulf Thiele [CDU]: Haben Sie ein Bei- spiel?)